Pfaffenhofen

"Wo Menschen sind, da menschelt's"

Warum es in Pfaffenhofen eine Tafel gibt

08.03.2018 | Stand 02.12.2020, 16:43 Uhr
Vier Tonnen Lebensmittel verteilt die Tafel mit den Leiterinnen Petra Eidenberger (von links), Heike Rosenplänter und Silvia Hiestand jede Woche an Bedürftige. −Foto: Ermert

Pfaffenhofen (DK) Wie sind Sie vor 15 Jahren überhaupt auf die Idee gekommen, in Pfaffenhofen eine Tafel zu gründen? Sieglinde Wiegand: Eigentlich gab es drei Gründe.

Erst habe ich einen Zeitungsartikel über die Münchner Tafel gelesen, dann habe ich - damals noch als Stadträtin - die Gründung der Neuburger Tafel verfolgt. Und dann habe ich beim Radeln auf dem Pfaffenhofener Ilmwegerl einen Mann gesehen, der sich eine Breze aus einem Mülleimer geangelt hat. So etwas sollte es in einem solch reichen Landkreis eigentlich nicht geben - und da habe ich mir Gedanken gemacht und bin aktiv geworden.

 

 

Welche waren die größten Hürden auf dem Weg von der Idee zur Umsetzung?

Wiegand: Eigentlich ging alles sehr schnell. Von diesem Schlüsselerlebnis bis zur ersten Ausgabe am 19. März 2003 sind vier Monate vergangen. Entscheidend für den Erfolg waren drei Has: das Haus, die Händler und die Helfer.

 

Fangen wir mit dem ersten Ha, also dem Haus, an. Wie schnell wurden sie fündig?

Wiegand: Wir haben damals einige leer stehende Objekte erspechtet. Zusammen mit Bürgermeister Hans Prechter bin ich dann zur Eon gegangen. Und es wurde schnell klar, dass wir zusammenkommen. Seither sind wir miet- und nebenkostenfrei am Draht daheim.

Petra Eidenberger: Das ist überhaupt unser Erfolgsgeheimnis. Wir können heute alle unsere Objekte - also auch in den Nebenstellen - kostenlos nutzen. Auch über den mildtätigen Verein, der ebenfalls 2003 gegründet wurde, können wir so gut wie jeden Cent an Spenden eins zu eins in Lebensmittel investieren - und damit unseren Kunden optimal helfen. Wir arbeiten außerdem alle ehrenamtlich, somit entfallen auch jegliche Personalkosten.

 

Die Zusammenarbeit mit der Firma Hipp wurde auch so schnell etabliert?

Wiegand: Allerdings. Claus Hipp hat sich sofort bereit erklärt, die Schirmherrschaft zu übernehmen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Er hat damals bei der Eröffnung das Tafelbrot geschnitten. Seine Babynahrung können wir ausgesprochen gut brauchen, weil unter unseren Kunden auch viele Familien und damit Kleinkinder sind.

Eidenberger: Und nach wie vor kommt jeden Mittwoch zur Ausgabe in Pfaffenhofen ein Hipp-Azubi vorbei, um uns zu helfen.

 

Wie schwierig war es, ausreichend Lieferanten zu finden, die ihre Ware kostenlos abgeben?

Wiegand: Gleich nach dem ersten Artikel im PK haben sich viele Firmen gemeldet. Zum Beispiel die Bäckerei Wiesender, die bis heute eifrig hilft. Manche Supermarktsleiter sind skeptisch gewesen - und das gibt es auch bis heute. Aber andere sehen die Tafel auch als einfache Möglichkeit, Kosten zu sparen. Sie müssen nämlich kein Geld für die Entsorgung bezahlen, wenn sie uns ihre übrige Ware abgeben.

Eidenberger: Heute helfen uns über 70 Lieferanten - vom kleinen Obstladen bis zum Großhändler ist alles dabei. Und von wöchentlich bis zu fünf Tonnen an Lebensmitteln sind wir nicht mehr weit entfernt.

 

Das dritte Ha sind die Helfer. Hat sich hier im Laufe der Jahre etwas verändert?

Wiegand: Bis heute sind viele dabei, die sich in der ersten Stunde gemeldet haben. Auch hier hat ein Zeitungsbericht gereicht, dann haben mir die ersten Frauen am Hauptplatz ihre Visitenkarte in die Hand gedrückt. Wir waren auf einen Schlag um die 30 Helfer. Es waren immer schon vorrangig Frauen mittleren Alters, die nach der Kindererziehung entweder Zeit hatten oder sich über das Ehrenamt wieder an eine berufliche Teilzeittätigkeit herantasten wollten.

Eidenberger: Im Grunde ist das bis heute so geblieben. Nur dass es immer weniger Frauen gibt, die für das Ehrenamt auch noch Geld mitbringen können. Heute müssen viel mehr Frauen ohnehin fest arbeiten. Ein Ehrenamt leisten sich immer weniger. Dann kamen auch noch die Asylhelferkreise dazu. Seither ist der "Markt" an Ehrenamtlichen völlig abgegrast.

 

Zuletzt war die Essener Tafel negativ in den Schlagzeilen, weil sie keine Flüchtlinge mehr unterstützt. Ist so eine Situation auch in Pfaffenhofen denkbar?

Eidenberger: Ganz ehrlich, am Höhepunkt der Flüchtlingskrise hatten wir hier bei uns exakt dieselbe Situation. In Spitzzenzeiten standen 150 Flüchtlinge bei uns im Garten. Unseren Altkunden wurden zur Seite weggedrängt, die Lebensmittel haben nicht mehr für alle gereicht. Manche sind lange nicht mehr zu uns gekommen, einige bis heute nicht.

 

Wie wurde die Lage entschärft und warum gibt es heute keine Probleme mehr?

Wiegand: Im Jahr 2005 sind nach Kreuzloh 42 Spätaussiedlerfamilien gekommen, die alle berechtigt waren, zur Tafel zu kommen. Das war wie ein Probelauf für die Flüchtlingswelle. Wir haben damals umorganisiert, die Lebensmittel direkt zu den Familien gebracht, um die Ausgabestelle nicht zu überlasten. Damit hat sich alles entspannt.

Eidenberger: Vor zwei Jahren haben wir es genauso gemacht.

Wir haben mit den Asylhelferkreisen gesprochen und Direktlieferungen in die Asylunterkünfte eingerichtet. Heute sind es allenfalls noch 50 Flüchtlinge, die zu uns kommen. Die laufen normal mit, alle haben sich daran gewöhnt.

Wiegand: Kleinere Probleme gibt es immer mal. Wo Menschen sind, da menschelt's. Oft im Positiven, weil das Miteinander Freude macht und der Zusammenhalt das Wichtigste ist, was die Tafel bietet. Aber manchmal kommt es halt auch mal zu Meinungsverschiedenheiten. So wie überall halt.

 

Was ist die größte Herausforderung, die in den nächsten 15 Jahren auf die Tafel zukommt?

Eidenberger: Viele Helfer sind im Rentenalter. Jüngere Hände täten uns gut. Und die zunehmende Altersarmut ist eine große Herausforderung. Gerade Senioren, die ihr Leben lang gearbeitet haben, genieren sich, wenn ihnen die schmale Rente nicht zum Leben reicht. Dabei ist jeder willkommen, der berechtigt ist. Wir wollen diesen Menschen unbedingt die Scheu nehmen, zu uns zu kommen.

 

Das Gespräch führte

Patrick Ermert.