Manaus

Wo der Fußball im Abseits steht

Drogen, Kindesmissbrauch und ein Stadion, das kaum einer wollte: Manaus ist eine der Problemzonen dieser WM

09.06.2014 | Stand 02.12.2020, 22:36 Uhr

 

Manaus (DK) Unweit von Manaus bietet sich ein einzigartiges Naturschauspiel. Es könnte sinnbildlich stehen für das Verhältnis zwischen der Fußball-Weltmeisterschaft und dem Gastgeberland Brasilien: Jene Stelle, wo der mächtige Rio Negro und der Rio Solimões, wie der Amazonas bis hierhin genannt wird, zusammenfließen, nennen die Einheimischen „Encontro das Águas“, das Treffen der Wasser. Doch die Flüsse vermischen sich nicht, verschiedene ph-Werte und ein Temperaturunterschied von vier Grad haben zur Folge, dass das schwarze Wasser des Rio Negro und der ockerfarbene Solimões-Strom fein getrennt nebeneinander fließen.

So ähnlich ist das auch mit dem Fußball: In wenigen Tagen wird in Brasilien die Fußball-WM angepfiffen, aber von Vorfreude ist immer noch wenig zu spüren. Im Gegenteil: Oft wird deutliche Kritik geübt an dem Spektakel und am Veranstalter, dem Weltfußballverband Fifa. Der Salesianerpater Humberto sitzt in Manaus unweit des neuen Stadions in seinem Büro, das vollgestopft ist mit Froschfiguren und Kunstblumen, auf dem Eckregal wacht eine Madonna. Der Weltfußballverband Fifa, sagt er, tauge nur zum Spott. So hat sogar ein Spruch in den Sprachgebrauch Einzug gehalten. Wenn ein Brasilianer mit ironischem Unterton betonen möchte, dass etwas besonders gut gelungen sei, dann sagt er neuerdings: „Das hat Fifa-Qualität.“

Es war in den vergangenen Monaten die Antwort der Brasilianer auf die ständige Kritik am langsamen Fortgang der Bauarbeiten. In Manaus indes ist das Stadion schon länger nahezu fertig. Die Arena da Amazônia liegt wie ein weißer Ring an der Avenida Constantino Nery. Aber auch sie ist Gegenstand ständiger Kritik, weil die Zweimillionenstadt inmitten des gigantischen Regenwalds über keine Erstligamannschaft verfügt. Dazu kommt das subtropische Klima. Schon nach der WM-Auslosung im vergangenen Dezember hatte Englands Trainer Roy Hodgson die Bedingungen mit einer Luftfeuchtigkeit von 80 Prozent kritisiert. In Manaus trifft England bei der WM auf Italien.

Vor einiger Zeit trat der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) in einem Zeitungsinterview ungewohnt heftig nach: In Manaus sei ein Stadion mitten in den tropischen Regenwald gebaut worden, „ohne die Nachhaltigkeit zu klären – das ist unverantwortlich“. Wie für alle Lebensbereiche müsse auch für Sportveranstaltungen „Nachhaltigkeit, also ein schonender Umgang mit unseren Ressourcen, das Leitbild sein“.

Bei Pater Humberto hört sich das Gleiche so an: „Wir brauchen Krankenhäuser, Schulen, eine bessere Infrastruktur für den Verkehr.“ Und ein Stadion? „Das brauchen wir nicht.“ Die wirklichen Probleme hier mitten im Amazonasdschungel liegen indes nicht in der fehlenden Nutzung für ein Fußballstadion begründet. „Das größte Problem sind die Drogen, die aus Peru, Kolumbien und Venezuela über die Grenze geschmuggelt werden“, sagt Pater Humberto.

Ein anderes spricht Miriam Maria José dos Santos aus Belo Horizonte an. Erst neulich war die Präsidentin des nationalen Kinderrechtsrates wieder in Manaus. Ein hoher Politiker soll in einen Kindesmissbrauchsskandal verwickelt sein. Ihr ist anzusehen, wie sehr sie das Geschehen mitnimmt. Sie befürchtet, dass während der Weltmeisterschaft mit dem Sextourismus auch der Kindesmissbrauch extrem zunehmen wird. Deshalb habe die Regierung bereits 2012 eine Resolution erlassen, mit der die Rechte der Kinder geschützt werden sollen. Im Zuge der WM gibt es eine große Aufklärungskampagne mit Anzeigen, Werbespots und Schulbesuchen, rund um die Stadien sollen Flyer verteilt werden. Brasilien erwartet während des Turniers rund 600 000 Fans aus dem Ausland.

„Unsere Angst ist auch, dass Kinder während der WM außer Landes gebracht werden“, sagt die Soziologin. Diese Gefahr bestehe gerade in Amazonien, wo es innerhalb des großen Regenwaldes kaum Kontrollen gebe. Nach Schätzungen des katholischen Hilfswerks Misereor werden in Brasilien rund 250 000 Kinder unter 14 Jahren zur Prostitution gezwungen. Während der WM in Südafrika, sagt dos Santos, „ist der Kinderhandel dort regelrecht aufgeblüht“. Im Nordosten Brasiliens sei es auch üblich, dass Taxifahrer für Geld minderjährige Mädchen über die Grenze fahren.

Die Weltmeisterschaft, sagt Miriam Maria José dos Santos, „wird kein positives Vermächtnis hinterlassen für die Jugend des Landes“. 70 Prozent aller Gefängnisinsassen in Brasilien seien weniger als 29 Jahre alt. Ebenfalls 70 Prozent aller jugendlichen Straftäter gehen nicht zur Schule. Rund fünf Millionen Kinder leben in extremer Armut, knapp ein Drittel der Bevölkerung hat nach offiziellen Regierungsangaben weniger als 140 Euro im Monat zur Verfügung.

„Um in diesem Land eine Friedenskultur herzustellen, braucht es eine massive Investition in Bildung. Dafür müsste es eine Revolution geben“, sagt sie. Bei der Vermittlung von Werten sieht sie die Kirchen ebenso in der Pflicht wie die Familien. „Aber überall in den Favelas fehlt es an Freizeitmöglichkeiten für Kinder, und wenn sie den Fernseher anschalten, sehen sie vor allem Gewalt.“

„Bem vindos“ („Herzlich willkommen“) steht über der Eingangstür des Mädchenwohnheims Casa Mamae Margarida im Stadtteil São José von Manaus. „Das beliebteste Spiel hier ist Vater, Mutter, Kind“, sagt Lehrerin Elizete Menezes. Aus der Art, wie die Mädchen mit den Puppen umgehen, könne man auf die eigenen Erfahrungen der Kinder schließen: „Sie spielen hier ihr Leben nach.“ São José ist ein Brennpunktviertel: gefährlich, hart, dominiert von Straßengangs. „Das Wichtigste war, hier einen Ort zu schaffen, an dem sich Kinder fern von Drogen und Gewalt aufhalten können, wenn ihre Eltern bei der Arbeit sind.“

Genau diese Struktur war es, die der 16-jährigen Valeria P. gefehlt hat. Als sie neun Jahre alt war, starb ihre Mutter an Diabetes, ihren Vater hat sie nie gekannt. Im Alter von zehn Jahren flüchtete sie aus dem Waisenhaus, lebte dann ein Jahr auf der Straße. Klaute, bettelte. Dann hörte sie von der Casa – und mochte das Haus nicht. „Ich fühlte mich eingesperrt“, sagt sie. Immer wieder riss sie aus, und kehrte doch zurück. „Irgendwann habe ich gespürt, dass ich hier etwas zurückbekomme. Egal, wie schlecht ich mich aufgeführt habe, ich habe immer eine neue Chance bekommen. Ich weiß jetzt, mit meinem Leben umzugehen.“

Heute sei sie eine gute Schülerin, erzählt Elizete Menezes. Das Mädchen lebe bei seiner 20-jährigen Schwester, die in einem Krankenhaus arbeitet. Nahezu ihre gesamte Freizeit aber verbringt Valeria hier, sie gehört zur Mädchenfußballmannschaft des Heims. „Ich liebe Fußball“, sagt sie, „und ich freue mich auf die Weltmeisterschaft. Wir werden die Spiele gemeinsam schauen, und ich bin sicher: Neymar wird’s richten für uns.“ Sie wird auf jeden Fall zum Stadion fahren. Karten hat sie keine, aber sie will das Flair der WM aufsaugen, wenn dieses Turnier schon einmal hierher in den Regenwald komme.

Vielleicht wird es ja noch etwas mit der Weltmeisterschaft und Brasilien. Vielleicht muss der Ball erst rollen, ehe die Begeisterung beginnen kann. So wie mit dem Rio Negro und dem Rio Solimões. Knapp 20 Kilometer fließen sie getrennt nebeneinander her. Dann mischt sich das Wasser doch noch.