Hilpoltstein

"Wir sind gekommen, um zu bleiben"

Hinter dem rätselhaften Wohnmobil in der Hilpoltsteiner Innenstadt steckt eine Familie, die für ihre Tochter Hamburg verlassen hat

25.09.2020 | Stand 02.12.2020, 10:29 Uhr
Vier Hilpoltsteiner Neubürger: Carlo und Irina Monnée mit ihren Kindern Linn und Victor. Ihnen gehört das Wohnmobil, das seit längerer Zeit in der Markt- oder Siegertstraße steht. Ein neues Zuhause ist inzwischen gefunden, jetzt wird noch ein Stellplatz gesucht. −Foto: Bleisteiner

Hilpoltstein - Das Wohnmobil mit Hamburger Kennzeichen und Behindertenausweis, das nun schon seit Wochen auf den Parkplätzen in der Markt- oder Siegertstraße steht, ist vielen Hilpoltsteinern ein Rätsel.

Jetzt ist das Geheimnis gelüftet: Es handelt sich keineswegs um Dauerurlauber, wie die samstägliche Glosse "Und dann war da noch" unserer Zeitung vom 29. August vermuten ließ, sondern um eine Familie aus Norddeutschland, die ihren Lebensmittelpunkt in diesem Sommer von Hamburg nach Hilpoltstein verlegt hat.

Entspannt sitzen Carlo (43) und Irina (42) Monnée mit ihren Kindern Linn (7) und Victor (2) an einem Tisch auf der Terrasse ihres neuen Zuhauses an der Marktstraße und genießen die Nachmittagssonne. Die Kinder greifen zu bunten Stiften und malen, während ihre Eltern erzählen, warum es sie von der großen Hansestadt in die mittelfränkische Kleinstadt Hilpoltstein verschlagen hat.

"Der Hauptbeweggrund war unsere Tochter", sagt Carlo. Das siebenjährige Mädchen mit den strahlenden Augen hinter der knallig roten Brille ist taub und zudem auf den Rollstuhl angewiesen. "Wir waren auf der Suche nach einer passenden Förderschule, bei der Linn gut aufgehoben ist und wir zugleich keine weiten Anfahrtswege in Kauf nehmen müssen. "

Über ein Netzwerk mit anderen betroffenen Eltern sind die Monnées schließlich auf die Regens-Wagner-Schule in Zell aufmerksam geworden. Erste Kontakte zur dortigen Einrichtung wurden bereits vor gut zwei Jahren geknüpft und nach einigen Telefonaten wurde Linn zur Hospitation nach Zell eingeladen. So kam die Familie des Öfteren aus Norddeutschland nach Hilpoltstein, um sich ein genaueres Bild von der Regens-Wagner-Einrichtung zu machen - aber auch, um Land und Leute besser kennenzulernen. "Wir waren schon beim Burgfest und beim Mittelalterfest dabei und konnten das Sommerfest von Regens Wagner in Zell miterleben", erinnert sich Carlo zurück.

Schnell waren sich Irina und Carlo einig: "Da passt einfach alles. " Da beide selbstständig sind, hatten sie auch beruflich keine gravierenden Veränderungen zu befürchten. "Das hat uns die Freiheit gegeben, den Wohnort zu wechseln", sagt der Kommunikationsdesigner, dessen Frau Irina einen Onlinehandel für handgefertige, nachhaltige Waren betreibt. Und so wohnen die Monnées seit Anfang August in einem Haus an der Marktstraße in Hilpoltstein.

Bis es aber soweit war, galt es trotzdem noch einige Hürde zu überwinden. Verschiedene Besichtigungstermine waren Corona-bedingt entweder gar nicht möglich oder mussten kurzfristig abgesagt werden. "Das hatten wir uns anders vorgestellt", erinnert sich Carlo zurück. Ebenfalls ganz anders vorgestellt hatte sich die Familie auch die Zeit vor ihrem geplanten Umzug in den Landkreis Roth. "Wir hatten uns vorgenommen, vorher noch eine zweimonatige Auszeit zu nehmen und mit den Kindern in unserem Wohnmobil Frankreich und Portugal zu bereisen", sagt Carlo. Doch auch hier machte Corona den Monnées einen Strich durch die Rechnung. Ein vergleichsweise tristes Dasein auf einem Parkplatz in der Markt- oder Siegertstraße musste das Wohnmobil aber nicht fristen. Statt entlang der Algarve oder der Côte d'Azur ging es jetzt eben durch das Fränkische Seenland und das Altmühltal. "Wir haben das schöne Wetter genutzt, um die Umgebung zu erkunden", sagt Carlo. Zumal das Auto der Familie in dieser Zeit noch in der Garage in Hamburg stand.

Zum Streichen der Decken und Wände in der neuen Bleibe war Carlo alleine in Hilpoltstein und hat in dieser Zeit im Wohnmobil auf dem Festplatz übernachtet. "Da wurde ich recht früh geweckt, weil ein Bagger ziemlich viel Lärm gemacht hat", sagt er und fügt schmunzelnd hinzu. "So habe ich wenigstens nicht verschlafen. "

Ein paar Bedenken, was die Umstellung vom Großstadtleben zur Kleinstadtidylle anbelangt, haben die Monnées schon. Bisher fühlen sie sich aber sehr gut aufgenommen in ihrer neuen Heimat. "Alle sind nett, egal ob beim Bäcker, im Gasthaus oder beim Einkaufen", sagt Carlo. Außerdem bekomme man alles, was man für den täglichen Bedarf brauche. "Uns fehlt es an nichts", sagt der Familienvater, der auch die Nähe zu Nürnberg schätzt, "wenn das kulturelle Leben irgendwann wieder losgeht".

Tochter Linn hatte am 8. September ihre Einschulung in der Förderschule in Zell. "Sie freut sich jeden Tag auf die Schule und strahlt jedes Mal, wenn sie nach Hause kommt", sagt Irina. Und für Sohn Victor beginnt langsam die Suche nach einem Kindergartenplatz.

Heimweh nach Hamburg verspüren die Monnées bisher noch nicht. "Noch fühlt sich das alles an wie Urlaub", sagt Carlo und ergänzt "Wir sind aber gekommen, um zu bleiben. " Jetzt wird nur noch nach einer Lösung für das Wohnmobils gesucht. "Das soll natürlich kein Dauerzustand bleiben", sagt Carlo und deutet auf den Camper, der wieder auf dem üblichen Dauerparkplatz schräg gegenüber der Polizeidienststelle steht. Wer für das Wohnmobil einen Unterstellplatz hat, kann sich an unsere Redaktion unter der E-Mail-Adresse redaktion. hilpoltstein@donaukurier wenden. Unsere Zeitung stellt dann gerne den Kontakt zur Familie Monnée her.

HK