"Wir müssen nicht die bessere Frau sein"

Der Soziologe und Autor Richard Schneebauer spricht über Stereotypen und Klischees der Männlichkeit

18.11.2020 | Stand 27.11.2020, 3:33 Uhr
Richard Schneebauer ist einer der bekanntesten Männerberater. −Foto: privat

Schärding - Seit 1999 wird am 19. November der Internationale Männertag gefeiert.

Aber was bedeutet das? Dass sich Männer genauso emanzipieren sollen wie Frauen? Der Soziologe Richard Schneebauer sieht die Männerbewegung in einem anderen Zusammenhang.

Herr Schneebauer, wie sind Sie überhaupt darauf gekommen, sich als Soziologe mit Männern zu beschäftigen?
Richard Schneebauer: Ich habe in der Jugendarbeit gearbeitet und darüber eine Dissertation verfasst. Danach habe ich gesehen, dass die Männerberatung ein Konzept benötigt für die Arbeit mit Jungs an den Schulen. Da habe ich sofort gespürt, das ist mein Job.

Kann man die Männerbewegung mit dem Feminismus vergleichen?
Schneebauer: Es ist schon etwas anderes. Es gibt natürlich den Maskulinismus, die kämpferische Form der Männerbewegung. Aber die Männerbewegung ist meist eher angestoßen durch den Feminismus. Nach dem Motto: Wir Männer wollen uns auch bewegen. In der Breite ist das weniger kämpferisch. Eher berührter.

Gilt es Männerrechte zu stärken?
Schneebauer: Ich finde, wir als Männer sollten uns erst einmal unserer Privilegien bewusst sein. Und dann können wir vielleicht auch über die Benachteiligungen sprechen. Ein Beispiel: Die neuen Regelungen zum gemeinsamen Sorgerecht für die Kinder nach der Scheidung sind natürlich für Väter eine Verbesserung.

In der Öffentlichkeit schwirren viele klischeehafte Urteile über Männer herum. Ich würde Ihnen gerne ein paar davon präsentieren und Sie um eine Einschätzung bitten. Zum Beispiel der Satz: Männer können nicht über ihre Gefühle sprechen.
Schneebauer: Wenn man sagen würde: Sie haben es nicht so leicht, über ihre Gefühle zu reden, dann stimmt das immer noch. Das hat viel damit zu tun, wie wir aufgewachsen sind und erzogen wurden. Wir können nicht nur nicht so gut über Gefühle reden, wir können sie uns auch nicht so gut eingestehen. Wir sind Weltmeister im Aushalten, nach wie vor.

Männer gehen ungern zum Arzt.
Schneebauer: Das stimmt auch. Aber es wird besser. Das Bewusstsein dafür hat zugenommen. Das ist so ähnlich wie in der Männerberatung. Die grundsätzlichen Themen haben sich nicht verändert, aber es kommen immer mehr Männer und immer früher.

Männer haben allzu oft keine wirklichen Freunde.
Schneebauer: Das ist Fakt. Auch wenn die meisten Männer bei diesem Urteil erst mal widersprechen. Ich habe schon Freunde und Kumpels, sagen die meisten Männer. Aber wenn es darum geht, dass man einen Mann kennt, dem man erzählen kann, wie es uns wirklich geht, dann haben viele letztlich doch keine Freunde. Es geht darum, sich weniger vor anderen Männern zu verstellen. Und da haben wir Männer nach wie vor ein Defizit.

Frauen sprechen viel leichter über menschliche Beziehungen?
Schneebauer: Ja, das mag so sein. Aber wir Männer müssen nicht die bessere Frau sein. Wir können von Frauen etwas lernen, aber es geht auch anders. Manchmal ist es besser, im richtigen Augenblick einfach zu schweigen. Und sich nicht zu verstellen. Das kann eine ungewöhnliche Tiefe ausdrücken. Das Reden über Gefühle hat bei Frauen ja nicht immer automatisch etwas mit Tiefe zu tun. Ich habe Erfahrungen in Seminaren, wo im richtigen Moment geschwiegen wurde unter Männern. Das sind außergewöhnliche Erlebnisse.
Ein anderes Klischee: Männerneigen dazu, Konflikte mit Gewalt zu lösen.
Schneebauer: Gewalt gegen andere oder gegen sich selbst? Zwei Drittel der Selbstmörder sind Männer. Insofern muss man beide Seiten sehen. Es geht ums Explodieren oder ums Implodieren. Was eine sehr schwierige Kombination ist, ist Hilflosigkeit und Männlichkeit. Wenn Männer sich hilflos fühlen, dann darf das leider nicht sein. Das wird eine Weile heruntergeschluckt, bis es zur Explosion oder Implosion kommt.

Männer sind wehleidig, heißt es, und viele sprechen despektierlich von "Männerschnupfen".
Schneebauer: Das ist ein witziges Klischee. Da weiß ich wirklich nicht genau, was das eigentlich soll. Womöglich ist es so, dass Männer, wenn sie krank sind, leichter darüber reden, und so entsteht vielleicht ein falscher Eindruck. Man merkt dann aber auch, dass Frauen gar nicht so gut damit umgehen können, wenn der Mann mal schwach ist.

Männer kommunizieren anders als Frauen.
Schneebauer: Wenn man in Unternehmen schaut, dann gewinnt man den Eindruck, dass Männer eher lösungs- und sachorientiert sind. Vor Kurzem hat ein Mann mal zu mir gesagt: Natürlich reden wir darüber, was so passiert ist. Aber wir reden nicht darüber, wie es uns dabei ergangen ist.

Männer haben Hobbys.
Schneebauer: Puh. Ich weiß gar nicht so genau, wie viele Frauen auch Hobbys haben. Ich höre aber immer wieder, dass viele Frauen sich auch gerne mit Hobbys beschäftigen würden, aber es nicht tun und sich dann eher um menschliche Beziehungen kümmern.

Männer interessieren sich mehr für Macht.
Schneebauer: Sie tun sich leichter mit dem Thema Macht. Da existieren noch Reste des traditionellen Männerbildes, das vom Mann als Familienernährer ausgeht. Das bedeutet, ich muss irgendwo etwas zu sagen haben. Einer Frau dagegen, die sich sehr machtbewusst verhält, wird gerne das Frausein abgesprochen. Es ist gesellschaftlich akzeptiert, wenn ein Mann mal auf den Tisch haut.

Männer brauchen Statussymbole - im Beruf und privat.
Schneebauer: Gott sei Dank nicht mehr alle.

Ein Ärgernis scheint Mansplaining zu sein - Männer, dieFrauen penetrant irgendwelche Dinge erklären wollen, die sie eigentlich schon längst verstanden haben.
Schneebauer: Da gibt es in Norwegen oder Schweden sogar eine eigene Agentur, wo die Frauen sich beschweren können. Wenn ich jetzt antworte, dass Männer in ihrem Machtbewusstsein so handeln, dann kann das natürlich unangenehm sein. Man stößt damit leicht viele Männer vor den Kopf. Aber es ist leider so: Wenn Männer nicht so leicht darüber reden können, wie es ihnen geht, dann werden sie technisch. Und erklärend.

Jetzt haben wir über viele Schattenseiten des Männlichen gesprochen. Aber was macht im positiven Sinne eigentlich einen Mann zum Mann?
Schneebauer: Männer sind letztlich genauso wie Frauen einfach nur Menschen. Die lieben und geliebt werden wollen. Die Wege sind vielleicht unterschiedlich, die Männer und Frauen einschlagen. Aber im Grunde wollen wir das Gleiche. Das betrifft auch diese weichen Seiten. 1984 hat Grönemeyer darüber gesungen, was einen Mann zum Mann macht. Es ist weniger wichtig, dass wir darauf gleich eine Antwort finden, als die Tatsache, dass viele Männer sich im Laufe ihres Lebens mal mit dieser Frage auseinandersetzen. Viele der genannten Klischees haben zudem nicht nur negative Seiten. Wenn ein Mann etwa im richtigen Moment wirklich führen kann, dann ist das nicht nur beim Tanzen etwas sehr schönes.

Haben die Probleme mit der Männlichkeit in den vergangenen Jahrzehnten eher abgenommen?
Schneebauer: Es gibt sicher auch eine Verunsicherung, aber auch das ist ja positiv. Wenn man eine Position verlassen muss, sich verändern muss, dann bringt das nicht nur Vorteile, sondern auch Verunsicherung mit sich. Das Männerbild ist heute nicht mehr so starr, wie es früher war. Mann sein ist vielfältiger und dadurch freier. Das ist sicher eine Bereicherung für alle, im Arbeitsleben und in den Familien.

Das Interview führte
Jesko Schulze-Reimpell.