Pfaffenhofen

"Wir könnten mehr schaffen"

Flüchtlingshelfer im Landkreis Pfaffenhofen ziehen fünf Jahre nach Merkels Satz ernüchternde Bilanz

30.08.2020 | Stand 02.12.2020, 10:40 Uhr
Vom Erstaufnahme- zum Abschiebelager: Am Dienstag vor fünf Jahren, einen Tag nach Angela Merkels berühmten Satz "Wir schaffen das", ging in der Max-Immelmann-Kaserne das neue "Rückführungszentrum" für Balkanflüchtlinge in Betrieb. −Foto: Archiv/Hauser

Pfaffenhofen - Enttäuschung, Ernüchterung und auch eine gewisse Traurigkeit - das ist das Fazit, das Pfaffenhofener Flüchtlingshelfer ziehen, wenn man sie fragt, ob das Versprechen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CSU) eingelöst worden ist.

 

"Wir schaffen das", hatte Merkel am 31. August 2015, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, in der Bundespressekonferenz erklärt. Haben wir es geschafft?

Sepp Steinbüchler, Vorsitzender des Internationalen Kulturvereins und Sprecher von zwei Asyl-Arbeitskreisen mit jeweils 100 Helfern, will die Frage weder mit einem pauschalen Ja noch mit einem Nein beantworten. Eindeutig ist allerdings seine Feststellung: "Wir schaffen die Integration nicht, weil wir sie nicht richtig wollen. Der Staat will keine Willkommenskultur, er will Abschreckung." Mit aller Wucht, sagt der ehemalige Pastoralreferent der Stadtpfarrei, soll eine Situation wie vor fünf Jahren verhindert werden, als über die Balkan-Route täglich Tausende Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Diese Abwehr-Strategie erschwere die Arbeit der Ehrenamtlichen, die in den vergangenen Jahren über 2000 Asylbewerber betreut haben.

Was Steinbüchler und die Helfer immer noch vermissen: eine professionelle Rückendeckung durch die Behörden. "Die Verwaltungsangestellten leisten gute Arbeit, aber um Flüchtlinge zu begleiten, braucht man ausgebildete Leute, zum Beispiel Sozialpädagogen." Wir schaffen das? Ja, aber viele seiner Asylhelfer hätten sich verausgabt, seien mit der Situation überfordert und "aufgrund von Fehleinschätzung enttäuscht worden. Viele Migranten kommen aus Kulturkreisen, die uns fremd sind." Darauf seien nur die wenigsten vorbereitet gewesen. Was fehlt, sei eine Fachstelle, die Ehrenamtliche ausbildet, qualifiziert begleitet und Supervision anbietet. "Wir konnten erste Hilfsschritte anbieten, die Leute unterstützen, mehr war nicht möglich. Das Letzte haben wir nicht mehr in der Hand." Denn Integration, das sei ein ganz langer Weg. Nein, sagt Steinbüchler, frustriert sei er nicht, eher ernüchtert. "Wir sehen glasklar die Probleme, die jetzt auftauchen. Es macht mich traurig, die Unfähigkeit zu erkennen, mit der Situation umzugehen. Wir sind auf dem Boden der Realität angekommen."

Christine Scherg ist im Februar 2016 als Asylhelferin eingestiegen. "Ich war neugierig und wollte helfen." Sie kümmerte sich mit anderen Ehrenamtlichen um 50 pakistanische Flüchtlinge, die an der Senefelder Straße untergebracht waren, "sehr freundliche junge Männer, die Hilfe bei den Ämtern brauchten". Auch wenn die Unterkunft inzwischen aufgelöst worden ist, hält sie immer noch Kontakt zu ihren Betreuten. Haben wir es geschafft, Frau Scherg? "Nein, haben wir nicht." Deutschland könnte es schaffen, sagt die Helferin, aber es liegt auch an den Flüchtlingen, denen es nicht leicht gemacht werde. "Ich habe so viel gemacht wie möglich ist. Aber die Asylbewerber brauchen eine Perspektive." Die aber habe nur jeder fünfte, der auf eine Duldung hoffen kann. Warum sollte sich jemand um Integration bemühen, wenn er weiß, dass er nicht anerkannt und abgeschoben wird?

"Ich bin ein positiver Mensch", sagt Gabi Dettke von sich. Sie hat 2015 die Leitung des Asylarbeitskreises übernommen, der die Flüchtlinge auf der Trabrennbahn betreute, die zum Erstaufnahmelager umgebaut worden war. "Wir haben in Pfaffenhofen viel geschafft, aber nicht bei allen 100 Prozent." Vielen der Betreuten konnte eine Arbeitsstelle oder eine Ausbildungsplatz vermittelt werden. "Sie bemühen sich sehr", hat Dettke festgestellt, "sich zu integrieren und mit Deutschen Freundschaft zu schließen." Das sei das A und O.

Eine sehr überzeugende Antwort auf die Frage, ob wir es geschafft haben beziehungsweise wie wir es schaffen könnten, hat die Caritas-Kreisgeschäftsführerin Pia Klapos. Sie hat für den Foodtruck am Amberger Weg die Köchin Sanaa Wahdan und Mazen Alassaf aus Syrien eingestellt. Und das nicht, weil sie Flüchtlinge sind, sondern "wegen ihrer Qualifikation, ihrer Liebe zum Beruf, der Liebe zu den Menschen und weil sie sich für keine Arbeit zu schade sind. Und dann ist es egal, woher sie kommen." Der Caritas-Leitspruch "Nah am Nächsten" wird so mit Leben gefüllt: Der Nächste wird nicht nach Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht oder Status ein- und aussortiert.

Haben wir es geschafft? Das beantwortet Khaled Kasso aus seiner Perspektive. Er und seine Familie sind viereinhalb Jahren aus dem syrischen Aleppo geflohen. Seit eineinhalb Jahren betreibt er sein Fotostudio an der Moosburger Straße gegenüber der evangelischen Kirche. 50 Prozent seiner Landsleute hätten es geschafft, sagt der 30-Jährige. "Aber jeder muss es selbst schaffen. Hier ist alles da, was man zum Leben braucht, Sicherheit und Arbeit." In Pfaffenhofen herrsche eine gute Atmosphäre. Aber man müsse sich anpassen, und das hätten viele seiner Landsleute nicht geschafft, die unter sich bleiben würden. "Aber wie will man die Sprache lernen, wenn man nur von Arabern umgeben ist?" Khaled Kasso hat allerdings auch hervorragende Startbedingungen: Eine Familie aus einem Helferkreis hat ihn vor vier Jahren aufgenommen. "Meine Ersatzfamilie", sagt Khaled, "sie unterstützt mich." "Wir schaffen das" - Merkels Satz hat diese Familie wörtlich genommen und auf sich bezogen. Und deshalb schafft es Khaled auch.

PK

Albert Herchenbach