Ingolstadt

Werksbahnhof ohne Pendler

Frühschicht an den Gleisen

16.12.2019 | Stand 02.12.2020, 12:23 Uhr
Neu, aber am frühen Montagmorgen kaum frequentiert: Aus diesem Zug, der vor Beginn der Frühschicht am neuen Audi Bahnhalt stoppte, stieg niemand. −Foto: Bird

Ingolstadt - Es ist Montag 5.15 Uhr und für Tausende Audi-Mitarbeiter beginnt die neue Arbeitswoche. Das Besondere an diesem ungemütlichem Dezembermorgen: Es ist der erste Werktag, an dem die Audi-Beschäftigten mit der Bahn zur Arbeit fahren können. Für die Mitarbeiter aus der Frühschicht scheint das jedoch keine Option zu sein, wie sich zehn Minuten später offenbaren wird.

Und das obwohl der Bahnsteig wie herausgeputzt für seine Frühschicht-Premiere wirkt: Kein Zigarettenstummel liegt herum, kein Kaugummi pappt auf dem Boden - aber auch kaum ein Fahrgast steigt aus. Pünktlich um 5.25 Uhr hält der rote Doppeldecker aus Treuchtlingen: Vier Mitarbeiter steigen aus und trotten ins Werk. Einer von ihnen ist Thomas Schwarzensteiner, der gut gelaunt auf dem Bahnsteig steht und sich kurz umschaut. "Für mich ist der neue Bahnhalt top, ich bin in drei Minuten in der Arbeit", sagt er. Der Mitarbeiter aus der Produktion kommt aus Gaimersheim und fährt sonst mit dem Bus. Auch wenn die Verbindungen nicht ideal seien, vor allem in der Spätschicht, will er das Angebot regelmäßig nutzen. Er müsse dann zwar länger warten, aber dafür nicht hetzen. Schwarzensteiner marschiert ins Werk - die fünf Minuten Fußweg sind länger als die drei mit der Regionalbahn.

Bei dem Zug, der wenig später – um 5.33 Uhr – aus Richtung Ingolstadt ankommt, steigt kein einziger Fahrgast aus, der Zugbegleiter schaut sich kurz um, seine Trillerpfeife gibt das Kommando zur Weiterfahrt. Sicherlich mag es eine Rolle spielen, dass an zwei der drei Montagelinien bereits Betriebsruhe eingekehrt ist. Die dritte folgt Dienstagabend. Doch während an diesem Montagmorgen die Züge leer halten und leer weiterfahren, kann von leer beim Audi-Parkhaus nebenan keine Rede sein – vor dessen Einfahrt  reiht sich Auto an Auto, die Kolonne füllt das vielstöckige Parkhaus nach und nach.  

Doch warum fährt niemand mit dem Zug, der den (Schicht-)Verkehr entlasten sollte?

Eine mögliche Antwort findet sich beim Stöbern durch den Fahrplan der Deutschen Bahn. Für viele aus den Umlandgemeinden wäre es die perfekte Möglichkeit, um zur Arbeit zu kommen, doch die aktuellen Verbindungen sind teilweise einfach nicht gut genug, um gegen das Auto bestehen zu können.

Am Beispiel Frühschicht (etwa 6 bis 14 Uhr) wird das deutlich: Aus dem Süden, also vom Hauptbahnhof aus, hält morgens um 5.33 ein Zug, aus dem Nordwesten die Regionalbahn um 5.25 Uhr - zuvor macht sie Halt in Adelschlag, Tauberfeld, Eitensheim und Gaimersheim. Das Beispiel des Pendlers aus Ernsgaden: Er müsste laut DB-Fahrplanauskunft um 4.54 in den Zug der Agilis einsteigen, die nur bis zum Nordbahnhof fährt, dort 22 Minuten warten, um dann um 5.30 in Richtung Audi weiterzufahren - und wäre zudem zu früh bei der Arbeit (5.33 Uhr). Aus dem Süden, aus Baar Ebenhausen etwa, fährt der erste Zug zu Audi laut DB erst nach 6 Uhr.

Für die teils schwache Anbindung gibt es mehrere Gründe: Die Agilis fährt nur bis zum Nordbahnhof, denn ein zusätzliches Gleis zum Wenden fehlt bei Audi. Alternativ könnte sie leer bis Eichstätt weiterfahren und dort wenden, doch wirtschaftlich erscheint das kaum. Die ICE-Trasse führt nicht durch das Werk, für den Fernverkehr wäre der Bahnhof ohnehin zu klein.

Die Bayerische Regiobahn (BRB) aus dem Schrobenhausener Land in Richtung Eichstätt bedient theoretisch zwar den Audi Bahnhalt, hält dort aber nicht. "Bis zum kleinen Fahrplanwechsel (Juni 2020) wird die BRB den Haltepunkt Ingolstadt-Audi nicht bedienen", teilte ein BRB-Sprecher unlängst unserer Zeitung mit. Ob die Züge der Paartalbahn dort halten, ist dabei offenbar keine Frage des Wollens, denn die BRB ist Auftragnehmer des Freistaats. "Wenn wir den Auftrag bekommen, dann fahren wir den neuen Halt auch an."

Das soll nach Willen der CSU-Landtagsabgeordneten der Region auch passieren - einen entsprechenden Antrag möchte Alfred Grob aus Ingolstadt im Verkehrsausschuss des Landtags stellen. Viel hängt auch am Umbau des Bahnhofs in Gaimersheim mit einem Wendegleis ab - der soll jedoch erst im Dezember 2024 abgeschlossen sein.

Fehlende Anbindungen dürften derzeit wohl die Hauptursache für ausbleibende Bahnpendler sein. Doch könnte es sich für einige auch nicht lohnen, unsubventionierte Tickets für die Bahn zu kaufen (Das Ticket von Baar-Ebenhausen zu Audi kostet einfach 4,70 Euro).

Das Unternehmen hofft, dass mit dem neuen Jahr auch viele Mitarbeiter vom subventionierten Jahresticket der INVG auf das ein Jahr gültige "Jobticket Bus und Bahn" umsteigen - etliche Anfragen gebe es dafür bereits. Damit können die Mitarbeiter bis zu 50 Prozent und maximal 300 Euro pro Jahr sparen, wie eine Sprecherin vor der Inbetriebnahme am Sonntag sagte. Audi rechnet mit bis zu 1500 Fahrgästen am Tag, wenn sich der Bahnhalt etabliert hat. "Die meisten Pendler werden voraussichtlich erst ab Januar 2020 ihr Jobticket Bus und Bahn bestellen." Möglicherweise, weil es sich für den restlichen Dezember samt Weihnachtsfeiertagen nicht mehr gelohnt hat.

Die Fahrt in die Arbeit wird für Mitarbeiter im Schichtdienst dadurch zwar günstiger, besser getaktet aber nicht. Vielen stellt sich die Frage, warum sich Bahn, Politik und Audi nicht früher darum bemüht haben, den Halt "Ingolstadt Audi" besser ans Schienen-Netz anzuschließen. Bei potenziellen Nutzern des Bahnhofs macht sich nach der feierlichen Eröffnung Ernüchterung breit. Auf der Facebook-Seite unserer Zeitung schreibt ein Nutzer: "Die Fahrzeiten sind ein Witz für Schichtarbeiter!" - und erntet dafür reichlich Zustimmung.

Dem Pendler ist es letztlich egal, worin die Gründe liegen, dass die Anbindungen mangelhaft sind. Im Zweifel steigt er allerdings ins Auto und fährt selbst zur Arbeit - wie viele an diesem Montagmorgen, dem Tag der ersten Frühschicht mit Bahnanbindung.

DK

Julian Bird