Wer will ich sein?

Umjubelte Premiere: Jule Kracht inszeniert "Die Zertrennlichen" im Jungen Theater Ingolstadt

02.03.2020 | Stand 02.12.2020, 11:50 Uhr
Wenn Sabah und Romain zusammen sind, ist alles möglich: Linda Ghandour und Benjamin Dami sind "Die Zertrennlichen". −Foto: Olah

Ingolstadt - Sie trägt eine Feder im Haar und hat das Herz einer Sioux.

Er liebt es, die Tage im Schaukelpferdgalopp zu durchmessen und die Nachbarn zu beobachten. Beide fühlen sich einsam inmitten ihrer Familien. Beide kennen sich vom Sehen. Ihre Wohnungen in dem grauen französischen Hochhausdschungel liegen einander direkt gegenüber - und doch Welten entfernt. Sie sind neun. Sie hören beide gern Shakira. Und sie wären gern Freunde. Doch ihre Eltern sind voller Vorurteile - Sabah hat algerische Wurzeln, Romains Eltern sind Einheimische - und verbieten den Kontakt. Der Streit zwischen den Vätern eskaliert - und Sabahs Familie zieht schließlich weg. Erst Jahre später macht sich Romain auf die Suche nach ihr. "Die Zertrennlichen" heißt Fabrice Melquiots preisgekröntes Kinderstück über Alltagsrassismus und Diskriminierung, das Jule Kracht im Jungen Theater Ingolstadt in Szene gesetzt hat. Die Premiere am Sonntagabend und besonders das grandiose Schauspielduo wurden mit großem Jubel gefeiert.

Denn Benjamin Dami und Linda Ghandour agieren kraftvoll und behutsam zugleich, stürzen sich mit Lust in diese Kinderrollen, in die Konfrontation, in die vorsichtige Annäherung, in das fantastische Abenteuer, in die erste, zarte Liebe. Und beider Spiel bereitet der Sprache eine perfekte Bühne. Fabrice Melquiots Dialoge sind voller Zartheit, Witz und delikater Poesie. Benjamin Dami und Linda Ghandour bringen die Sprache zum Klingen.

Bühnenbildnerin Nora Lau hat einen Waldspielplatz aus unbehandelten Baumstämmen in die Werkstatt gebaut, das gleichzeitig die Wohnwelten der Kinder verortet. Links ein Klettergerüst, das eine Art Tipi für Sabah darstellt, rechts eine Tonnenschaukel, auf der Romain durch die Großstadtprärie reitet, auf dem Boden ein Balancierparcours aus Baumscheiben. Und ein dunkler durchscheinender Vorhang vermittelt mit passender Beleuchtung und Naturgeräuschen (Soundscapes und Musik: Timo Willecke) nicht nur düstere Waldatmosphäre, sondern eignet sich auch für Schattenspiele aller Art.

Erzählt wird die Geschichte im Rückblick - aus Romains Perspektive. Er erinnert sich an das ungewöhnliche Mädchen und an die kurze, aber intensive Freundschaft. Und im Erinnern wird alles wieder lebendig - vom Moment der ersten Begegnung bis zum Abschied. Regisseurin Jule Kracht findet dafür eindringliche Bilder, zeigt den kindlichen Kosmos in all seiner Magie, seiner Schönheit, seiner Unzulänglichkeit und verbindet in der Beziehung äußerst lebendig das Spröde, Prahlerische, Wahrhaftige, auch Drastische mit dem Fantastischen und Träumerischen. Denn die zuvor unvoreingenommenen Kinder, die nicht das Trennende sehen, sondern im Spiel Gemeinsamkeiten entdecken, übernehmen bald die Ressentiments der Eltern, plappern hilflos deren Worte nach.

Aber die Geschichte von Romain und Sabah ist mit der Trennung nicht vorbei. Mit zu den berührendsten Momenten der Inszenierung gehören die elf Jahre, die beide parallel im Schnelldurchlauf erleben - auch, weil sie den Raum weiten und verschiedenste biografische Möglichkeiten aufscheinen lassen: Wer will ich sein?

Jule Kracht traut ihrem Publikum (ab neun Jahren) etwas zu - und führt es mit starker Hand, hohem Tempo und perfektem Timing durch diese emotionale Achterbahnfahrt. Für diese knappe Stunde Herzschlagtheater gibt es langen Applaus - und viel Stoff zum Weiterdenken.

DK


ZUM STÜCK
Theater:
Junges Theater Ingolstadt,
Werkstattbühne
Regie:
Jule Kracht
Ausstattung:
Nora Lau
Musik:
Timo Willecke
Vorstellungen:
Neben zahlreichen Schülervorstellungen gibt es Vorstellungen im freien Verkauf am 21. März und am 4. April
Kartentelefon:
(0841) 30547200

Anja Witzke