Nürnberg
Viele Gemeinsamkeiten

Bambergs Erzbischof Ludwig Schick und Sahra Wagenknecht von der Linken diskutieren über Gerechtigkeit

23.05.2017 | Stand 02.12.2020, 18:04 Uhr |

Bambergs Erzbischof Ludwig Schick und Sahra Wagenknecht von den Linken diskutierten im Caritas-Pirckheimer-Haus Nürnberg über Steuer- und sonstige Gerechtigkeit. Siegfried Grillmeyer (Mitte), der Geschäftsführer der Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus moderierte. - Foto: Wraneschitz

Nürnberg (HK) Nein, Fans des bedingungslosen Grundeinkommens sind beide nicht: Weder Bambergs Erzbischof Ludwig Schick noch Sahra Wagenknecht, die Linkenchefin im Bundestag, können dem ursozialistischen Ansatz einer finanziellen Grundversorgung aller Menschen etwas abgewinnen. Schon an diesem Punkt wird dem Publikum im Nürnberger Caritas-Pirckheimer-Haus klar: Die zwei auf der Bühne haben viel gemeinsam.

Auch wenn der Erzbischof einem Besucher widerspricht, "dass ein wahrer Christ eigentlich Sozialist sein muss". Nein, sagt Schick, nicht Sozialist, aber sozial eingestellt sein und die Würde der Menschen und deren Rechte achten müssten wahre Christen.

"Christlich? Humanistisch? Engagement für Steuergerechtigkeit und gegen Armut" lautet der gestelzte Titel des Fachgesprächs, zu dem der Kirchenmann und die Politikerin sich eingefunden haben. Auf die Frage nach dem "Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und der Abwendung von demokratischen Prozessen" von Teilen der Bevölkerung sieht Sahra Wagenknecht "ein Problem der Demokratie durch sehr große Vermögen. Durch die Geldmacht haben die einen ganz anderen Zugang zu Politikern als Menschen, die normal leben". Schick brandmarkt "Ungleichheit als nicht hinnehmbar": Auf "Grundlage der christlichen Auffassung, Gott will Gerechtigkeit, dürfe man Armut nicht zulassen, genauso wenig wie Möglichkeiten von Konzernen, "sich um Steuern zu drücken". Auch hier stimmen beide überein.

Ein "Affentheater" hat es laut Wagenknecht um die Reform der Erbschaftssteuer gegeben. "Besonders die CSU-Vertreter waren dagegen. Dabei steht ausgerechnet in der Bayerischen Verfassung, dass die Erbschaftssteuer dem Entstehen von Riesenvermögen entgegenstehen soll." Doch sie gibt auch zu: Nicht nur ihre Partei habe es versäumt, "den Leuten klarzumachen, dass man nicht das Häuschen besteuern will".

Theologe Schick, der auch Philosophie studierte, blickt eher in die Ferne. Zwar lobt er grundsätzlich die deutsche Entwicklungspolitik. "Aber manche Entwicklungshilfe ruiniert mehr, als sie aufbaut: Alles, was nicht Hilfe zur Selbsthilfe ist, ist ein Problem." Ressourcengerechtigkeit ("Wir wer-den durch afrikanische Ressourcen reich"), Schöpfungsgerechtigkeit ("Luft, Wasser, Energie") und Generationengerechtigkeit ("Wir leben zurzeit über all unsere Maßen") sind für ihn die Themen, welche die Entwicklungspolitik der Bundesregierung bisher nur zaghaft angeht. Genauso zeige die Koalition in der Frage der Menschenrechte zu wenig Mut - ob in Saudi Arabien oder im Jemen: "Bei allen wirtschaftlichen und politischen Beziehungen muss die Menschenrechtsfrage ganz oben stehen, dann können Kriege verhindert werden", ist Schick überzeugt. Wagenknecht nickt: "Gerade bei unserem Partner Saudi Arabien zeigt sich die Schizophrenie unserer Außenpolitik. Die hat keinen Wertekompass."

Diesen vermissen beide auch bei der Innenpolitik. Auf die Frage, "was ist konkret arm", antwortet Schick: "Arm ist, so wenig Geld zu haben, dass man sich nicht das Notwendige leisten kann, um am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können." Zustimmung von Wagenknecht: "Armut ist relativ. Armut bedeutet Ausgrenzung aus gesellschaftlichem Umfeld. Es geht also nicht nur um materielle Armut, sondern auch um soziale Ausgrenzung. Die wird verharmlost."

Gerade deshalb sieht Schick Bildung als äußerst wichtig an: "Die Menschen müssen wissen, dass Kapital und Vermögen sozialpflichtig sind. Wir müssen verhindern, dass dem Staat Steuern entzogen werden." Womit er vor allem Konzerne meint: Die beteiligten sich durch das Hin- und Herschieben von Gewinnen eben kaum an der Finanzierung des Gemeinwesens. Für Wagenknecht wäre "ohne Frage das Beste eine globale Regelung, mindestens aber EU-weit." Doch auch Deutschland alleine sei nicht machtlos gegen Konzerne: "Auf dieses Märchen der Alternativlosigkeit müssen Meinungsbildner hinweisen. Auch die Kirchen haben hier eine Meinungsmacht." So würden Parteien unter Druck gesetzt, meint sie und ergänzt: "Apple würde trotzdem hier I-Phones verkaufen, wenn wir etwas gegen Steuersparmodelle machen."

Trotz der kaum zu findenden Gegensätze ist zu spüren: Das Publikum im Caritas-Pirckheimer-Haus ist zufrieden mit den Erkenntnissen des Abends.