Ingolstadt

Viel Lob - aber auch Kritik

Architekt stellt IN-Quartier im Bezirksausschuss Nord-Ost vor - Verkehrsaufkommen bereitet Sorgen

22.07.2021 | Stand 05.08.2021, 22:21 Uhr
Timo Schoch
Das ehemalige Rieter-Gelände aus der Luft: Dort soll auf 15,3 Hektar das neue IN-Quartier entstehen. Die Gerchgroup investiert rund 800 Millionen Euro. Es entstehen Wohnungen, Geschäfte, Grünanlagen und Lokale. −Foto: Schalles/ Archiv

Ingolstadt - Der aktuelle Stand des Bebauungsplans des früheren Rieter-Geländes ist jetzt im Bezirksausschuss (BZA) Nord-Ost vorgestellt worden.

Die Reaktionen schwankten zwischen angetan und besorgt. Vor allem um die Verkehrs- und Parkplatzsituation gab es eine Diskussion.

Johannes Kister spreizt Zeigefinger und Daumen auseinander. Etwa einen Abstand von zwei Zentimetern deutet er damit an. "So dick ist inzwischen das Kompendium", sagt der Architekt im Kölner Büro Kister Scheithauer Gross. Kister will damit sagen, was sich seit rund einem Jahr getan hat und was beispielsweise mit städtischen Behörden, Gutachtern, Vermessern und Architekten erarbeitet wurde. Denn sein Büro hatte den städtebaulichen Wettbewerb 2020 gewonnen. Im BZA Nord-Ost präsentierte er jetzt die überarbeitete Fassung.

Auf 15,3 Hektar1800 Wohneinheiten

Das Quartier nimmt weiter Formen an. Auf dem 15,3 Hektar großen früheren Rieter-Areal im Nordosten der Stadt soll das sogenannte IN-Quartier entstehen. Das ambitionierte Vorhaben lässt sich die Gerchgroup rund 800 Millionen Euro kosten. Mischnutzungen soll es geben, wie es im Fachjargon heißt. Das bedeutet: Auf dem Gelände sollen etwa 1800 Wohneinheiten entstehen. "Außerdem stellen wir uns Nahversorger vor, allerdings keinen Vollsortimenter, sondern beispielsweise einen Biomarkt", sagt Kister. Ergänzen sollen das urbane Angebot Gastronomen, Cafés, Bäckereien, kleine Läden und Ateliers, die im Erdgeschoss der Wohnräume untergebracht sind. "Wir möchten keine Innenstadtkonkurrenz. " Und auch keine Konkurrenz zu den umliegenden Supermärkten. Die historischen Bauten, wie Wasserturm, Verwaltungsgebäude und die Fabrikhalle mit den Sheddächern, bleiben erhalten und werden integriert.

Altlastensanierungbereitet Probleme

Das Leben in diesem Viertel soll sich in der Mitte abspielen. Viel Grün, Spielmöglichkeiten, ein Café rund um den Wasserturm, mit angrenzendem kleinen Wasserspiel. Ohne Verkehr. Allerdings gibt es auch Hürden. Etwa die Altlastensanierung. Die Böden sind belastet, haben Gutachter ermittelt. Und natürlich müssen die Altlasten aus den Böden geschafft werden, bevor überhaupt gebaut wird. Auf der anderen Seite sind dann allerdings Bäume im Weg. "Es war für uns keine Option zu sagen, wir machen wegen der Abtragung der Altlasten alle Bäume platt", sagt Kister. Deshalb wird geprüft, geprobt und überlegt, was vertretbar ist. Denn: "Es stehen dort Baumpersönlichkeiten, die man so schnell nicht wieder bekommt. " Diese wolle man erhalten. "Wir planen für diese Bäume eine Verpflanzung in einen mittleren Hain", sagt Kister. Also dorthin, wo sich das Leben künftig abspielen soll. Den Ort ohne motorisierten Verkehr. Es wird deshalb keine Durchfahrtsmöglichkeiten von Nord nach Süd geben. Für Fußgänger und Radfahrer wird ausreichend Platz geschaffen. Sowieso soll sich der Verkehr auf die umliegenden Knotenpunkten wie Römerstraße, Friedrich-Ebert-Straße und Goethestraße verteilen, die dann wie ein Ring um das Viertel herumführen. Die CSU-Fraktion geht dabei von einem erhöhten Verkehrsaufkommen von 8700 Fahrzeugen aus.

Die Zuhörer waren grundsätzlich vom IN-Quartier angetan. Allerdings zeigten sie sich besorgt über das erhöhte Verkehrsaufkommen, weil angrenzende Wohngebiete bereits jetzt schon überlastet seien. Und noch etwas wurde diskutiert: die Parkplatzsituation. "Wir haben eine zweigeschossige Tiefgarage vorgesehen, weil Ingolstadt einen sehr hohen Stellplatzschlüssel aufweist", sagt Architekt Kister. Allerdings seien lediglich 150 frei zugängliche Parkplätze geplant. "Zu viele öffentliche Parkplätze sind nicht mehr zeitgemäß. " Man müsse dann das jeweilige Ziel eben anders erreichen, mit dem Bus, zu Fuß oder mit dem Fahrrad.

Anwohner befürchten eine weitere Zuspitzung der Parkplatzsituation. "Die Mobilitätsthemen werden sich verändern und wir müssen uns an die neuen Strukturen anpassen. " Zumindest für die Gäste der Wohnungseigentümer oder -mieter soll es Besucherstellplätze in der Tiefgarage geben.

KOMMENTAR

Momentan ist es nur schwer vorstellbar, dass wir auf ein Auto verzichten. Stadtplaner sind ebenfalls nicht begeistert von den Autos - auch nicht von der neuen Generation. Nachhaltig, viel Grün, sauber und sicher soll die lebenswerte Stadt der Zukunft sein. Genau nach diesen Gesichtspunkten wird auch das neue IN-Quartier geplant und gebaut. Etwa 150 öffentliche Parkplätze - außerhalb der Tiefgarage - erscheinen für die rund 6000 kalkulierten Menschen, die dort leben, täglich arbeiten oder ein- und ausgehen doch ein wenig knapp bemessen. Und dass nahezu fast alle Besucher die Gastronomie per Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Bus ansteuern, erscheint viel zu optimistisch. Auch wenn Architekt Johannes Kister davon spricht, dass öffentliche Parkplätze nicht mehr zeitgemäß seien, so hat er sich von der momentanen Realität weit entfernt. Ingolstadt ist eine Autostadt. Die Menschen besitzen lieber zwei Autos als keines. Kaum auszudenken, dass gerade in Ingolstadt die Einwohner vermehrt auf Carsharing setzen, zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs sind und auf öffentliche Verkehrsmittel setzen. Vor allem die Busanbindungen sind momentan in Ingolstadt nicht so, dass sie eine gute Alternative zu den Autos darstellen.

So ist die Befürchtung groß, dass die Autos zwar aus dem IN-Quartier herausgehalten werden, aber dafür die sowieso schon überfüllten angrenzenden Wohngebiete zum Bersten bringen. So viel Lob das neue IN-Quartier bislang erhalten hat, die Verkehrs- und Parkproblematik kann zum Knackpunkt werden. Denn bei aller Nachhaltigkeit: Gemessen wird das IN-Quartier auch daran, ob das Konzept auf die Bedürfnisse der Bürger eingeht. Und ein Auto ist in Ingolstadt immer noch ein Grundbedürfnis.

Timo Schoch

Timo Schoch