Mühlheim

Urzeit-Schwämme entdeckt

18.06.2010 | Stand 03.12.2020, 3:55 Uhr

Für das Auge eines Laien ist es nur ein unscheinbarer Hubbel. Roland Pöschl, Alexander Heyng und Uli Leonhardt (von rechts, hier mit einem Mitarbeiter) aber erkennen: Hier steckt ein Schwamm im Stein.

Mühlheim (EK) Ein paar Hubbel ragen aus den Kalkplatten. Mehrere Männer in Arbeitskleidung drängen sich um einen der Kegel. "Das ist einmalig", flüstert Roland Pöschl fast ehrfürchtig.

Er und sein Partner Uli Leonhardt betreiben den Fossiliensteinbruch bei Mörnsheim/Mühlheim und sind auf eine wissenschaftliche Sensation gestoßen: In einer Schicht finden sich viele wunderbar erhaltene versteinerte Schwämme. Ein Besucher ist zufällig darauf gestoßen und nun wird die Schicht geborgen, die Schwämme präpariert und anschließend ausgewertet.
 

Dafür ist unter anderem Alexander Heyng zuständig, Doktorand am GeoBio-Center der Ludwigs-Maximilians-Universität München. Er betreut den Steinbruch wissenschaftlich, und auch er erzählt begeistert von dem Fund. "Die Kieselschwämme sind besonders schön. Die sind super präparierbar." Was anscheinend gar nicht so schwierig ist. Die Steinhubbel werden mit Säure, vorzugsweise Essigsäure, behandelt, was den Kalk auflöst. Zurück bleibt das Schwammnadelskelett mit seiner charakteristischen filigranen Struktur.

Um das Außergewöhnliche an dem Fund zu erläutern, holt Heyng aus. Vor rund 150 Millionen Jahren dehnte sich hier ein Jurameer aus. Der jetzige Steinbruch war einst eine Wanne, die nach und nach mit Sand aufgefüllt wurde. "Wir wissen, dass es in der Nähe des heutigen Steinbruchs Riffe gegeben hat", erklärt Heyng. Die Schwammschicht stamme von einem solchen Riff. Durch ein Beben, einen Sturm oder ein anderes Naturereignis brach ein Stück davon ab und rutschte in die Wanne. "Turbidite" nennt die Wissenschaft solche geologische Situationen.

"So etwas war bisher nicht bekannt aus der Gegend von Solnhofen", sagt Uli Leonhardt. "Eine solche Schicht gibt’s sonst nirgends", ist sich sein Kompagnon Pöschl sicher. Er deutet auf eine kleine frei geräumte Fläche. "Da stecken noch weitere 50 Schwämme drin."

Was alle zusätzlich freut: Sie haben es nicht nur mit Schwämmen zu tun. "Da tauchen auch andere Riffbewohner auf. Da hängt das ganze Ökosystem drin", so Heyng. "Wir haben Seeigel, Ammoniten, Muscheln und sogar Fischreste gefunden."

Ein "Festessen" für gleich mehrere Wissenschaftler. Diese spezielle Mühlheimer Schicht wurde bisher noch nie genauer unter die Lupe genommen. Sie ist ein bis zwei Millionen Jahre jünger als die inzwischen bestens bekannten Solnhofener Schichten. "Das hier war ein ganz anderer Lebensraum", sagt der Doktorand. "Für eine Totalanalyse dieser Schicht braucht man mehrere Spezialisten." Und Zeit: Ein Jahr oder länger könne es dauern, bis genaue Ergebnisse vorliegen.

Doch erst einmal müssen Pöschl, Leonhardt, Heyng und ihre Mitarbeiter die Funde bergen. Die Platten werden herausgehoben und, wo sie zerbrochen sind, durch einen speziellen Steinkleber gekittet. Schließlich rückt Säure den Schwämmen zu Leibe.

Während die ihre Arbeit tut, können sich Pöschl, Leonhardt und Heyng einem weiteren Phänomen nachgehen. "Das fällt unter die Kategorie ,Gibt’s nicht", murmelt Leonhardt. Das Trio ist auf eine mysteriöse Spur gestoßen, ein Muster, das sich dauernd wiederholt. "Als ob ein Zweig eingeschwemmt wurde und immer weiter gedriftet wäre", vermutet Heyng. "Doch den Verursacher haben wir noch nicht gefunden." Den Leuten im Steinbruch wird es also auch in nächster Zeit bestimmt nicht langweilig werden.