Buchvorstellung

Ungehobelt herzlich - hinterhältig lächelnd

Auf die harte Tour durch die Abgründe der Heimat: Mathias Petrys Roman "Hudlhub"

03.11.2017 | Stand 02.12.2020, 17:16 Uhr
Das Cover der zweiten Auflage des satirischen Romans „Hudlhub – ein kriminell kurioses Heimatbuch.“ −Foto: SüdOst-Verlag

Helmut Haller hasst Fußball. Gottlob hat der Bayer in Düsseldorf, der sich einfühlsam als Rausschmeißer in einem Bordell verdingt, mit dem verstorbenen Heros des FC Augsburg nur den Namen gemein.

Freunde nennen Haller ohnehin nur Georg Friedrich, weil er so gerne Händel hört. Doch der Fußball holt ihn ein.

Ein Auftrag führt ihn in den Einzugsbereich eines süddeutschen Traditionsklubs. Er muss einen Fußballstar aus dem Etablissement dezent in dessen Villa bringen. Der neigt dort zu häuslicher Gewalt. Sein Opfer ist eine still leidende Klatschmagazinschönheit. Gut, dass Georg Friedrich, ausgestattet mit einem Stiergnack, zuhauen kann wie Herakles. Der Jungmillionär läuft voll in die Abseitsfalle. Georg Friedrich befreit die Spielerfrau. Und die 47 000 Euro teure Katze des Kickers gleich mit. Weil der für dieses Geld fast einen halben Tag arbeiten muss, setzt er zwei Auftragsschlägerinnen auf ihn an.

"So vui schee scho!"

Erzähler im Roman "Hudlhub"

 

Georg Friedrich hat jetzt noch ein viel größeres Problem: Auf dem Weg in das ideale Versteck muss er zurück in seine Heimat, der er einst den Rücken gekehrt hat: Hudlhub. Ein erdachtes Dorf irgendwo hinter Pfaffenhofen. Finis Bavariae. Ein krachertes Panoptikum seltsamer Menschen. Ein Mikrokosmos des Lebens in seiner ganzen Fülle, Widersprüchlichkeit. Und Gemeinheit. Hudlhub - ein Ort hart an der Heimatfront. Zerrissene Seelen ringen sich hier neben recht eindimensionalen Naturen durchs Leben. Ungehobelte Herzlichkeit trifft auf lächelnd daherkommende Hinterhältigkeit. Jeder in Hudlhub hat eine verborgene Sehnsucht oder ein dunkles Geheimnis. Oder beides. Dann wird es richtig lustig. Wie bei Lucki Haderlein, herrschsüchtiger Hinterbänkler im Landtag, der mit dem Eifer eines Alchimisten heimlich an der Schöpfung des perfekten Bieres werkelt. Und er ist noch längst nicht der Verrückteste. Bavaria obscura. "So vui schee scho!", trompetet der Erzähler gern in das irrwitzige Geschehen. Dessen Akteure deklinieren das Adjektiv "schön" in schaurigsten Schattierungen: schön schräg, schön verrückt, schön blöd, schön bayerisch. Alles der völlige Wahnsinn eben. Also ganz normal. Bavaria extrema.

Mathias Petry (ein Zugereister) prescht pointensicher vorwärts. Die hohe Gag-Schlagzahl dürfte auch damit zu erklären sein, dass der Autor und Musiker im Hauptberuf Lokaljournalist ist. Da musste er schon so manche Untiefe menschlicher Existenz ausrecherchieren. Der Roman bietet auch ein poetisches Psychogramm über das Suchen und Finden der Heimat, erzählt in der Geschichte zweier sich Liebender, die das nur noch nicht wissen: Das Findelkind Charlie, introvertiertes Handwerkergenie, trifft Steffi, Postbotin und Poptalent, ins Herz.

Aber wie wird man heimisch in einem Dorf, dessen größter Stolz eine von einem alten Bulldog gezogene Tragkraftspritze ist? Will man Wurzeln schlagen in einem Ort, wo der Pfarrer beim Feueralarm den Herrgott anfleht, "dass der Feuerwehrtrupp von Hudlhub nicht noch alles schlimmer macht!" Wer also möchte hier leben? Oder sterben? Eine Antwort gibt es nicht. Am Ende deutet der 109-jährige Seniorheld des Romans aber die Fortsetzung von "Hudlhub" an. Und das hört sich nach all der kriminellen Kabale und den tragikomischen Turbulenzen gut an. 

Mathias Petry: Hudlhub - Ein kriminell-kurioser Heimatroman. Süd-Ost-Verlag. 239 Seiten, 14,90 Euro.