Ingolstadt

Umstrittene Boombranche

13.04.2010 | Stand 03.12.2020, 4:06 Uhr

Zahlreiche Besucher informierten sich auf der fünften Ingolstädter Zeitarbeitsmesse über Beschäftigungsmöglichkeiten im Bereich der Leiharbeit. 30 in der Region aktive Personaldienstleister hatten im Festsaal des Stadttheaters ihre Stände aufgebaut. - Foto: Rössle

Ingolstadt (DK) Auf der fünften Ingolstädter Zeitarbeitsmesse im Stadttheater herrschte am Dienstag großer Andrang. 30 Personaldienstleister und die Agentur für Arbeit als Veranstalter informierten Arbeitssuchende und Arbeitgeber rund um das Thema Zeitarbeit.

Ein Zeichen für die kommende wirtschaftliche Erholung erkannte Rolf Zöllner in dem großen Andrang bei der Zeitarbeitsmesse. "Der konjunkturelle Aufwärtstrend zeigt sich zuerst bei der Zeitarbeit. Die Unternehmen stellen dann erst einmal Leiharbeiter ein", erklärte der Leiter der Agentur für Arbeit Ingolstadt.

Die Messe will objektiv über das Thema Zeitarbeit informieren, erklärte Sven Neuenfeldt von der Agentur für Arbeit. "Durch Missstände wie Lohndumping sind Vorurteile entstanden, die bei seriösen Zeitarbeitsfirmen nicht zutreffen" berichtete Zöllner. Die Personaldienstleister hätten viel getan, um ihren Ruf zu verbessern. Ihre Unternehmensverbände hätten mit den Gewerkschaften Tarifverträge abgeschlossen, die auch in der untersten Entgeltgruppe über dem Mindestlohnniveau lägen. "Zeitarbeit bietet Arbeitssuchenden die Chance, in die Stammbelegschaft einer Firma zu kommen. Unternehmen können wiederum erfahrene Kräfte einstellen", erklärte Zöllner.

Bei 30 in der Region vertretenen Personaldienstleistern konnten sich Arbeitssuchende informieren und präsentieren. Zudem erhielten Interessierte in drei Vorträgen Tipps, wie sie sich bei Bewerbungen richtig darstellen. Der Rechtsanwalt Michael Olma erklärte seinen Zuhörern, was Zeitarbeit eigentlich ist, und wie die gesetzlichen Bestimmungen lauten: "In der Zeitarbeitsbranche herrscht ein relativer großer Wettbewerb. Über 23 000 Unternehmen sind in Deutschland am Start. Nach einem Einbruch wegen der Krise ist Zeitarbeit wieder eine Boombranche." Für den Arbeitnehmer biete Leiharbeit trotz einiger Nachteile auch Chancen, meinte Olma, etwa Beschäftigungsperspektiven für Arbeitslose oder Wiedereinstiegsmöglichkeiten für Berufsrückkehrer. Die in der Branche tätigen Firmen hätten ein Interesse daran, ihre Arbeiter zu behalten, weshalb sie in den meisten Fällen entsprechende Löhne zahlten. "Der Verleiher will aber auch, dass seine Kunden zufrieden sind. Diese Interessen in beide Richtungen führen dazu, dass die schwarzen Schafe auf dem absteigenden Ast sind", berichtete Olma. Stimmen aus dem Publikum kritisierten, dass Leiharbeiter bei gleicher Arbeit meist weniger Lohn erhielten als die Stammbelegschaft.

Eine Ausstellung präsentierte Zahlen und Fakten zur Arbeitnehmerüberlassung, Tarifverträgen und eine Checkliste für Zeitarbeitsverträge. Die Besucher konnten dort auch ihre Meinung über die Zeitarbeit auf ein Plakat schreiben: "Ich habe nach längerer Arbeitslosigkeit eine neue Arbeit gefunden" stand dort zu lesen, aber auch: "Ohne Zeitarbeitsfirmen würden Arbeitnehmer besser behandelt!"

Einen kritischen Standpunkt vertritt auch die Partei Die Linke, die vor dem Stadttheater demonstrierte. Die Bundestagsabgeordnete Eva Bulling-Schröter stellte klar: "Zeitarbeit ist der Sklavenhandel des 21. Jahrhunderts. Firmen setzen auf Zeitarbeit, um Löhne zu senken und Arbeitsbedingungen zu verschlechtern. Aus diesem Grund muss die Leiharbeit weg." Unter den Demonstranten war auch Andreas Großmann, der mit seinem Sohn die Gemeinschaft der Leih- und Zeitarbeiter gegründet hat. Sie wollen mit ihrem Verein Zeitarbeiter über ihre Rechte aufzuklären.