Ingolstadt

Ukraine-Krieg erzeugt auch Spannungen in Schulen

Herschel-Schule reagiert mit großer Gesprächsrunde

01.04.2022 | Stand 04.04.2022, 3:34 Uhr
Aussprache über Sorgen und Ängste in der Sir-William-Herschel-Mittelschule mit einer 5., einer 6. und einer 8. Klasse. Zu Gast waren eine russischstämmige Realschülerin aus Ingolstadt, ein ukrainisches Ehepaar und ein in Russland geborener Polizist. −Foto: Silvester

Ingolstadt - Dieser Krieg kennt keine Grenzen.

Er erfüllt auch Kinder und Jugendliche abseits der Fronten, überall in Europa, mit Sorgen und Angst. Dazu kommen in Schulen Spannungen zwischen Schülerinnen und Schülern mit russischen sowie ukrainischen Wurzeln. In der Aula der Ingolstädter Sir-William-Herschel-Mittelschule sind belastende Erfahrungen und seelische Nöte auf einer riesigen, liebevoll gestalteten Collage zum Thema Frieden zu lesen: "Ich habe Angst, dass der Krieg zu uns kommt", steht da in ordentlicher Jugendschrift. Oder: "Es gibt Kinder, die nicht mehr mit mir reden, weil ich Russe bin. " Oder das: "Manche Russen glauben, dass Putin recht hat. " Und auch: "Man wird beleidigt, wenn man Russisch spricht. " Ein Jugendlicher bittet: "Ich will nicht wegen einer anderen Nationalität ausgeschlossen werden. "

Höchste Zeit zu handeln, bevor sich Gräben in der Schülerschaft auftun, sagt Rektor Norbert Mair. Er und sein Team haben deshalb in der Schule eine große Runde mit Gästen ukrainischer und russischer Herkunft versammelt. Der Wunsch: Miteinander reden! Über alles, was einen bedrückt. Vorurteilsfrei. Ganz offen. Ohne Angst.

Es gelingt. Bald trauen sich immer mehr Schülerinnen und Schüler, zu erzählen.

Eltern und Großeltern kennenden Krieg aus ihrer Heimat

Im Kreis: eine 5., eine 6. und eine 8. Klasse. Alle haben sich mit ihren Lehrerinnen Angelika Meyer-Kanthak und Martina Härtich sehr gut auf dieses schwierige Thema vorbereitet. Die Achtklässler Louis und Habib moderieren an. Plötzlich ist der Krieg mitten unter ihnen: Viele Eltern und Großeltern der Schüler kennen das Grauen aus ihren Heimatländern. Sie litten oder kämpften an den Fronten des heillos zerrissenen Jugoslawiens oder im Kosovo. Ihre Oma müsse weinen, wenn sie vom Krieg in Bosnien erzähle, sagt die Sechstklässlerin Erna. "Man sollte mehr nachdenken, dann gibt es keinen Krieg. Aber viele Länder tun das nicht - und es passiert, was passiert. "

Ernas Klassenkameradin Dana kam als Kind aus dem Irak. Ihre Familie gehört der verfolgten Volksgruppe der Jesiden an. Sie mussten fliehen. Dana steht auf, erzählt tapfer von Erlebnissen, die sie niemals vergessen wird. Es gibt viel Beifall - so wie nach jedem Wortbeitrag.

Viktorias Wurzeln liegen in Russland. Sie besucht die Fronhofer-Realschule. Rektor Mair hat sie eingeladen. "Die Nationalität darf keine Rolle spielen! ", betont sie und erzählt, dass sie als Russin jetzt schon auch mal blöde Sprüche höre. Sie zieht daraus diesen Schluss: "Wir müssen mehr reden! Reden hilft! Alle Menschen sollten friedlich zusammenleben. "

Die Mittelschule trägt dazu bei, das Leid in der Ukraine zu lindern: Mit der Aktion "Herschel hilft". Viele Schülerinnen, Schüler und Eltern packen engagiert mit an. Ein Achtklässler stellt klar: "Wir unterstützen Menschen, die bedroht sind. Wir helfen nicht der Politik. "

"Es liegt mir am Herzen, dass ihr die Demokratie lebt! "

Auch Gabi und Sergej Solfikanitsch sind zu Gast. Das Ehepaar stammt aus der Ukraine. Sie sammeln über SOS Security Bayern Hilfsgüter und transportieren sie in ihr Heimatland. Im Februar sei sie wieder dort zu Besuch gewesen, erzählt Gabi Solfikanitsch. Niemals hätte sie damit gerechnet, dass Putin angreifen lässt. "Wir haben uns noch einen schönen Abend gemacht. Als ich am nächsten Tag aufgewacht bin, war Krieg. " Sofort sei Chaos ausgebrochen: Panikeinkäufe. Schlangen vor der Grenze. Leute, die verzweifelt zu Fuß flohen. "Furchtbar. "

Viktor Zeeb wurde in Russland geboren. Er kam in den 80ern nach Ingolstadt, wo er heute als Polizeibeamter arbeitet. Er appelliert an die Schüler: "Ich bitte euch, recherchiert selber! Denn es ist sehr schwierig, mit den vielen Informationen im Internet umzugehen. Habt bitte keine Vorurteile. Wir leben in einer Demokratie - zum Glück. Es liegt mir am Herzen, dass ihr die Demokratie lebt und euch informiert! " Es gebe tolle Youtuber, die das Thema Krieg für Jugendliche verständlich aufbereiten. Etwa MrWissen2go. "Den empfehle ich auch meinen Kindern. "

Sergej Solfikanitsch kennt die Schrecken des Krieges. Deshalb kämpft er für den Frieden. "Mädels, Jungs, bleibt zusammen! Es ist egal, welche Nationalität man hat. Nur dann gibt es keinen Krieg mehr. " Er sehe einen Weg, das Töten zu überwinden: "Mit dem Herzen und mit Worten, das ist die einzige Art, einen Krieg zu gewinnen. " Auch da applaudieren in der Runde alle gemeinsam.

DK

Christian Silvester