Ingolstadt

Traumjob mit Schattenseiten

12.04.2011 | Stand 03.12.2020, 2:56 Uhr

Arbeitszeit ist Wartezeit: So wie hier am Hauptbahnhof nutzen zwei Taxifahrer die Zeit zu Plausch und Zigarette, während sie auf Kunden hoffen. - Fotos: Herbert

Ingolstadt (DK) Lange Wartezeiten, kurze Fahrten, schlechte Bezahlung: Christine Baumeister ist seit elf Jahren Taxifahrerin in der Schanz. Trotzdem macht ihr die Arbeit immer noch Spaß.

Der kalte Wind pfeift unangenehm über den Rathausplatz und vom Himmel fallen die ersten Tropfen. Für Christine Baumeister kein Grund für trübe Gedanken: Regen bedeutet Hoffnung. Vielleicht überlegen sich angesichts des Wetters ja ein paar Passanten, in ihr Taxi einzusteigen. Christine Baumeister ist eine von aktuell 105 Taxifahrern in Ingolstadt, die tagtäglich rund um die Uhr um Fahrgäste kämpfen. Das Taxigeschäft ist ein hartes Brot. "Es ist durch die zusätzlichen Fahrer in den vergangenen Jahren noch schwieriger geworden", erzählt die 58-Jährige. "Man muss froh sein, eine Fahrt pro Stunde zu haben."
 

Andreas Wahsner aus Rosenheim steigt zu. "In Ingolstadt kenne ich mich nicht aus, obwohl ich viel in Deutschland unterwegs bin. Bevor ich mich durch die komplexen Tarifsysteme des öffentlichen Nahverkehrs quäle, nehme ich lieber ein Taxi", berichtet der Freiberufler. Doch das gewünschte Fahrtziel liegt nur einige hundert Meter entfernt: Wahsner hat einen Termin auf der miba, die Fahrt kostet gerade einmal 4,50 Euro.

"Die meisten Touren bewegen sich in diesem Preisrahmen, der zehn Euro selten überschreitet", bedauert die Taxlerin. Von den Erlösen darf die Köschingerin 40 Prozent behalten, und die müssen auch noch versteuert werden. Ein Festgehalt ist in ihrem Vertrag nicht vorgesehen. Mehr als 500 Euro pro Monat für einen Vollzeitjob bleiben so kaum übrig: Alltag in der Taxibranche. Christine Baumeister ist trotzdem zufrieden. "Ich fahre gerne Auto und unterhalte mich mit Leuten", erzählt sie.

Jetzt heißt es warten am Taxistand in der Harderstraße. Der ist einer von 13 stets besetzten Ständen in der Stadt. "Ich versuche, möglichst wenige Leerfahrten zu haben, daher steuere ich meist den nächsten Stand an. Aber wenn du Pech hast, stehst du zwei Stunden, ohne dass etwas passiert", sagt Baumeister. Auf einer laufend aktualisierten Anzeige auf dem Armaturenbrett kann sie sehen, wo sich gerade die anderen Taxis befinden.

Am Vormittag sind vor allem ältere Menschen auf dem Weg zum Arzt, zum Friseur oder zum Einkauf ihre Kunden. Menschen wie Hermine Hirmeyer, die aus der Stadt nach Hause möchte. Christine Baumeister hilft ihr beim Einsteigen, dann lädt sie den Rollator der Rentnerin in den Kofferraum. "Ich gehe immer eine Strecke zu Fuß, damit ich nicht ganz einroste. Aber zurück fahre ich dann Taxi. Ich bin froh, dass es diese Möglichkeit gibt", sagt die Rentnerin. 5,10 Euro zeigt der Taxameter.

Es ist mittlerweile kurz vor elf Uhr, am Hauptbahnhof stehen laut Anzeige ein Dutzend Taxis. "Um diese Zeit kommen dort viele Menschen an, die bei Audi ihr neues Auto abholen. Das sind dann ungefähr 14 Euro, das lohnt sich", erklärt Baumeister. Für sie geht es dagegen wieder in dieselbe Straße, in der sie vor rund zwanzig Minuten Rentnerin Hirmeyer mitsamt Einkäufen abgesetzt hat: Eine Frau hat bei der Zentrale einen Wagen bestellt.

Daniela Artmeier steigt ins Taxi. Da sie unter Zeitdruck ist, nutzt sie die Dienste von Christine Baumeister. "Normalerweise gehe ich zu Fuß, aber heute pressiert es", erzählt sie. Nach eiligen Stopps am Busbahnhof und bei der Bank ist sie nach einer knappen halben Stunde wieder zu Hause, 13,70 Euro muss sie zahlen. Drei Fahrten in knapp zwei Stunden – kein schlechter Schnitt. Vielleicht liegt es ja wirklich am Regen.