Trägt Corona Söder bis ins Kanzleramt?

19.03.2020 | Stand 02.12.2020, 11:42 Uhr
Alexander Kain
Als Krisenmanager gefragt: Landeschef Markus Söder gestern beim Besuch des Rewe-Süd-Zentrallagers in Eitting (Landkreis Erding). −Foto: Peter Kneffel (dpa)

Markus Söder wird in der Corona-Krise als der starke Mann wahrgenommen – und empfiehlt sich damit als Kanzlerkandidat. Doch im Kampf gegen das Virus ist er authentisch: Um seine persönliche Profilierung dürfte es ihm weniger gehen, als seine Kritiker glauben.

Alexander Kain Ich finde, der macht das gut“ – das ist derzeit von vielen zu hören, wenn es um Markus Söder (CSU) geht. Bemerkenswert ist derlei, weil das Lob gerade auch von denen kommt, die dem Bayern bisher nicht automatisch wohlgesonnen waren und sind. Innerhalb weniger Tage ist der weiß-blaue Regierungschef bundesweit wahrnehmbar zum obersten Krisenmanager der Republik aufgestiegen: Mit harten, aber von vielen als richtig empfundenen Maßnahmen. Mit der klaren Ansage, dass derzeit das Primat der Medizin (und nicht das der Politik) gelte. Mit den richtigen Worten („Es gibt keinen Grund zur Panik, aber Anlass zu Sorge“). Und dem richtigen Tonfall („Corona-Partys gehen gar nicht, sorry. Die Polizei wird das unterbinden“).

Der Eindruck, in Brüssel und Berlin würde bis heute noch über die theoretischen Auswirkungen von Corona diskutiert, wäre nicht der Bayer vorgeprescht, lässt sich kaum von der Hand weisen. Vergleichsweise früh hatte Söder die Zeichen der Zeit erkannt: „Wir dürfen nicht nur debattieren, wir müssen entscheiden, wir müssen handeln“, sagte er vor zwei Wochen. Nachdem ihm bei der Ministerpräsidentenkonferenz in Berlin und den anschließenden Gesprächen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Dinge zu langsam liefen und die anderen Bundesländer in ihrer Zögerlichkeit Söders Vorwärtsstreben nicht folgten, schuf der Bayer einfach Tatsachen: Erst ein Verbot von Großveranstaltungen über 1000 Teilnehmer, dann die Schließung von Schulen und nicht lebensnotwendigem Einzelhandel sowie das Hochfahren der medizinischen Not-Kapazitäten, schließlich der Katastrophenzustand.

Dem Druck dieser Fakten konnten sich schließlich auch die anderen Länder nicht entziehen – und folgten um- und weitgehend. Selbst Medien vornehmlich außerhalb des Freistaats, für die Söder traditionell ein rotes Tuch ist, lobten die weiß-blauen Maßnahmen und beklagten stattdessen die lange Zögerlichkeit in Berlin. Auffällig: Die Bundeskanzlerin, die sich und ihr Tun in früheren Krisen kaum öffentlich erklärte und sich stattdessen in Durchhalteparolen übte, tritt neuerdings öfter vor die Kameras als sonst – wohl, um nicht den Bayern als denjenigen erscheinen zu lassen, der ihr in der größten Herausforderung seit dem II. Weltkrieg das Heft des Handelns aus der Hand genommen hat. Es wäre der Weg, den einst der Hamburger Innensenator Helmut Schmidt (SPD) genommen hat – den die Sturmflut von 1962 erst zur Legende und dann zum Kanzler gemacht hat.

Neben Söder in diesen Tagen stärker ins Rampenlicht getreten ist auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) – der sich aber schon vor einiger Zeit selbst aus dem Rennen um die Kanzlernachfolge genommen hat und der ohnehin auch erst noch beweisen muss, dass seine Versprechen, etwa für die gesicherte Versorgung mit medizinischem Material zu sorgen, Substanz hat. Ein anderer, dem viele die Kanzlerschaft zutrauten, ist Nordrhein-Westfalens Regierungschef Armin Laschet (CDU) – der aber derzeit im Vergleich zu Söder deutlich weniger zupackend und mehr reagierend als agierend daherkommt. Und Norbert Röttgen und Friedrich Merz? Die genießen mangels relevantem Regierungsamt derzeit ohnehin wenig Aufmerksamkeit – lediglich Merz schaffte es mit seiner eigenen Corona-Erkrankung zur medialen Randnotiz.

Läuft sich Söder also gerade bewusst für die Kanzlerschaft warm? Wer das glaubt, dürfte falsch liegen. Schon immer zeichnete sich Söder dadurch aus, dass er seine jeweiligen Ämter bis zum Maximum ausfüllte: Als CSU-Generalsekretär (unter Edmund Stoiber) war er der Prototyp eines Generalsekretärs. Als Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten (unter Günther Beckstein) gab er den „bayerischen Außenminister“. Als Umwelt- und Gesundheitsminister (unter Horst Seehofer) machte er aus seinem Haus das „Bayerische Lebensministerium“. Und als Finanz- und Heimatminister (schon in großer Konkurrenz zu Seehofer) durchpflügte er das gesamte Land – und überreichte praktisch jeden Förderbescheid persönlich. Will heißen: Schon ohne Krise ist Söder gleichermaßen kreativ wie zupackend und fleißig, seine Arbeitstage beginnen oft schon vor 6 Uhr morgens.

In der Krise läuft er nun für alle sichtbar zur Höchstform auf. Dass er in der Corona-Krise nicht das Sprungbrett ins Kanzleramt sieht, wird gerade auch dadurch glaubhaft, dass er im traditionellen Aschermittwochs-Interview in der Passauer Neuen Presse und dem Donaukurier und dann auch vor Tausenden Zuhörern in der Passauer Dreiländerhalle verkündete, sein Platz sei „hier in Bayern und nicht in Berlin“. Seine zweifellos vorhandene Tatkraft dürfte, was die Verwerfungen des zunehmenden wirtschaftlichen Stillstandes angeht, nach der Corona-Krise erst Recht von Nöten sein. Und zwar in Bayern.DK

Alexander Kain