Augsburg

Totenschiff der Flüchtlinge

Das Theater Augsburg bringt Hanoch Levins tragisches und berührendes Stück "Das Kind träumt" auf die Bühne

17.01.2018 | Stand 02.12.2020, 16:56 Uhr

Zombiehafte Gestalten kämpfen ums Überleben: Szene aus "Das Kind träumt" am Theater Augsburg. - Foto: Fuhr

Augsburg (DK) Am Anfang steht eine Szene von existenzieller Wucht, Grausamkeit und Dramatik: Die Eltern sehen auf ihr schlafendes Kind, ein Moment höchsten Glücks. Der plötzlich umschlägt in sein Gegenteil: eine Welt voller Gewalt, Verfolgung, Erniedrigung und Tod. Der Vater wird erschossen, Mutter und Kind sind auf der Flucht, an deren Ende keine Rettung stehen wird.

Das Theater Augsburg hat mit der deutschen Erstaufführung von "Das Kind träumt" des 1999 verstorbenen israelischen Autors Hanoch Levin aber kein Stück auf den Spielplan gesetzt, das tagesaktuell die globalen Fluchtbewegungen auf der Bühne bloß spiegelt. Antje Thoms inszeniert vielmehr eine zeit- und ortlose Allegorie, die das Thema abstrahiert und doch konkret genug lässt, die eine menschliche Grunderfahrung formuliert. Der Zuschauer zieht natürlich Verbindungen zur Gegenwart, das Bühnengeschehen zwingt sie aber keineswegs auf, legt sie höchstens nahe, bleibt aber ein offener Deutungsraum.

Dabei liegt dem Stück eine reale historische Begebenheit zugrunde: Die - literarisch schon mehrfach verarbeitete - Irrfahrt des Dampfers St. Louis 1939 mit jüdischen Flüchtlingen an Bord, die weder auf Kuba noch in den USA an Land gelassen und schließlich zurück nach Europa geschickt wurden - in ihren Tod.

Auf ein Schiff flüchtet auch die Mutter mit dem Kind. Natalie Hünig zeigt - im wahrsten Sinne des Wortes mit ganzem Körpereinsatz - alle Schattierungen von Hoffnung und Verzweiflung der Mutter, die Stück für Stück ihr "normales" bürgerliches Leben und Denken hinter sich lässt, die kämpft, sich erniedrigt, sich verkauft, um einen Platz auf dem Schiff zu bekommen, die schließlich wünscht, ihren Mann nie kennengelernt, ihr Kind nie geboren zu haben.

Das Schiff ist schon auf der Hinfahrt ein Totenschiff, voller schwankender, zombiehafter Gestalten in verdreckten Schlafsäcken wie dem "Mann der Logik" oder "Tröstenden Reisenden", voller falscher Hoffnung und Neid auf die, die - vermeintlich - überleben werden. Denn an der Küste des Ziels, einer Insel, haben der Herrscher (Andrej Kaminsky) und seine Frau (Katharina Rehn) nur leere Worte und Gebete für sie. Vielleicht wird hier die Inszenierung am deutlichsten zum Spiegel der Gegenwart, der ebenso wohlfeilen wie wahren und hilflosen Rhetorik des "Wir können nicht allen helfen", die das ganze ausweglose Dilemma einer Verantwortungsethik offenbart.

Es ist die Unausweichlichkeit, mit der Levin diesen Albtraum des Kindes auf das Ende, den Tod zulaufen lässt, die das Stück zu einer Tragödie macht. Antje Thoms vergleicht es nicht ohne Grund mit antiken Tragödien. Dazu trägt auch die rhythmisierte, "hohe", oft poetische Sprache von Levin bei, die Matthias Naumann ins Deutsche übertragen hat, aber auch Figuren wie der "Dichter", der dem Sinnlosen einen Sinn geben möchte, der "Erschrockende Betrachter des Todes" oder die "Zur Liebe geborene Frau", die als Archetypen, weniger als Individuen angelegt sind. Beherrscht wird die Bühne von einem riesigen Gemälde von Andrea Huyoff. Es ist während der Probenarbeiten als Work in Progress entstanden und reflektiert das Stück wie seine Entstehung.

Jedem denkenden und fühlenden Menschen ist die Not derer, die zu Flucht oder Exil gezwungen werden, bewusst. Insofern erzählt "Das Kind träumt" nichts, was wir nicht schon wissen oder empfinden - oder es zumindest könnten. Aber die Augsburger Inszenierung bewirkt das, was Theater und Literatur sollten: Das, was man eigentlich weiß, aber so gerne und bequem zur Seiten schiebt, bewusst zu machen. Eindringlich, schonungslos, auch brutal und für manche womöglich schockierend, jenseits platter, reflexhafter gar moralisierender Aktualisierung. Das gelingt nicht zuletzt durch ein - erneut - glänzendes Ensemble mit einem bewundernswerten, sehr "erwachsenen" schauspielerischen Auftritt von Zeki Ünlü als Kind.

Weitere Termine: 25., 26. Januar; 16., 22., 23. Februar in der Brechtbühne. Kartentelefon: (08 21) 3 24 49 00.