Ingolstadt

Tiefe Einblicke in die Geschichte

21.12.2009 | Stand 03.12.2020, 4:23 Uhr

Schanzer Militärgeschichte: Bei den Grabungen Am Bachl stießen die Archäologen überraschenderweise auf Überreste der 1718 gebauten Münzberg-Kaserne. Zudem wurde die historische Stadtmauer bis auf die Fundamente in etwa zwei Meter Tiefe freigelegt.

Ingolstadt (DK) Das Ausgrabungsjahr 2009 lieferte neue Einblicke in die Zeit der Stadtgründung im 12./13. Jahrhundert sowie in die Festungsgeschichte der Schanz. Darüber hinaus festigten die Ingolstädter Historiker und Archäologen ihre Kontakte zu namhaften Universitäten in ganz Deutschland.

Bis ins 19. Jahrhundert wurde ein Teil des Münsterumfelds als Friedhof genutzt. Bei den Pflasterarbeiten in der Theresienstraße im Frühsommer stießen die Archäologen daher in geweihte Erde vor. Und erlebten wenige Meter weiter eine Überraschung: In der Mitte der Straße tauchten Pfostenlöcher von Häusern auf, die mehr als 800 Jahre alt sind. "Das passt nicht zu den Stadtstrukturen, die uns bislang bekannt waren", sagt der Archäologe Gerd Riedel vom Stadtmuseum mit Blick auf die wenig erforschte Zeit zwischen der ersten Erwähnung Ingolstadts im Jahr 806 und der Stadtwerdung im 12./13. Jahrhundert.

Einen tiefen Einblick in die Historie der jüngsten bayerischen Großstadt bekommen die Wissenschaftler auch beim Umbau des Anwesens Moritzstraße 11, wo die Ausgrabung bisher durchgängige Schichten vom 19. bis zum 12. Jahrhundert zutage gefördert hat. Wie knapp die Geschichte in Ingolstadt unter dem Pflaster vergraben liegt, verdeutlichte auch der Abriss eines Geschäftshauses Am Bachl. Dort kamen die sonst unsichtbaren Fundamente der mittelalterlichen Stadtmauer zum Vorschein. "Mehr als ein Drittel der Mauer verläuft unterirdisch", betont Erich Claßen, der Ingolstädter Dienststellenleiter beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege.

Die Festungsanlagen des 19. Jahrhunderts, die das Stadtbild zu guten Teilen prägen, sind ebenfalls viel größer, als es oberirdisch den Anschein hat: Bei der Verlegung der Gasleitungen in der Schlosslände entdeckten die Archäologen Mauern und Überreste der vollständig verschwundenen Fronte Deroy. Solche Funde sind nicht immer spektakulär, aber: "Unser Wissen wird reicher", hebt Riedel hervor. Der Bau der Festungen in der Nähe der Donau sei beispielsweise ein Stück Technikgeschichte.

Auch Josef Dintner, Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde und Ansprechpartner für die Bauherren bei der Stadt Ingolstadt, zieht eine Bilanz des archäologischen Jahres. Als freiwilliger Bürgerservice der Kommune unterstützt er die Grundstückseigentümer, die für einen Eingriff in den Altstadtboden grundsätzlich eine denkmalpflegerische Einwilligung benötigen. 2009 gab es im Stadtgebiet 85 gesetzlich vorgeschriebene Verfahren. In 15 Fällen wurde auch tatsächlich wissenschaftlich gegraben.

Einig sind sich die Experten darin, dass die Bodendenkmäler im Grunde überhaupt nicht angetastet werden sollten. Doch der Bauboom in der Region ruft immer wieder die Archäologen auf den Plan. Nach den Grabungen entscheidend ist die wissenschaftliche Bearbeitung der Funde. Dabei arbeiten die Ingolstädter Historiker und Archäologen mit Universitäten in ganz Deutschland zusammen. Mehrere Doktorarbeiten werden derzeit im Zusammenhang mit der Schanzer Geschichte geschrieben.

Bereits fertig ist zum Beispiel die Auswertung zu den historischen Spielzeug-Küchenuntensilien, die beim Abriss des Dehner-Gebäudes an der Mauthstraße gefunden wurden. "Die Exponate erhält jetzt das Ingolstädter Spielzeugmuseum", berichtet Riedel. "So schließt sich dann der Kreis."