Theater aus dem Koffer

Mobile Produktion: "Der schaurige Schusch" im Jungen Theater Ingolstadt

25.10.2020 | Stand 02.12.2020, 10:17 Uhr
Erzählt vom "Schaurigen Schusch": Michael Amelung. −Foto: Herbert

Ingolstadt - Es ist eine Geschichte über Vorurteile, Fremdheit und Engstirnigkeit, aber auch über Neugier, Mut und Freundschaft.

"Der schaurige Schusch" heißt Charlotte Habersacks entzückendes Bilderbuch über eine kleine, eingeschworene Dorfgemeinschaft, die durch die Ankunft eines neuen Nachbarn ganz schön durcheinandergewirbelt wird. Das Junge Theater Ingolstadt hat sich davon für die neue mobile Produktion für Kinder ab drei Jahren inspirieren lassen. Premiere war am Samstagnachmittag im Kleinen Haus in Anwesenheit der Münchner Kinderbuchautorin.

Regisseurin Katharina Wüstling und Schauspieler Michael Amelung machen Theater aus dem Koffer. Aber was für einer! Riesig ist das Gepäckstück, das da auf der Bühne steht. Rundrum mit Landkarten verziert. Wenn man rechts und links an den Seitenteilen zieht, entblättern sich Karten von Gebirgsgruppen und Seen. Lüpft man den Kofferdeckel, erblickt man die ganze Pracht des Simmerlgebirges mit dem Dogglspitz. Katharina Wüstling nimmt sich viel Zeit, die Tiere vorzustellen: Das aufgeregte Huhn, das in einem metallicgrünen Riesenei nistet und sich hingebungsvoll um den Nachwuchs kümmert. Den souveränen Hirschen, der hier die Bergbahn betreibt. Die Freestyle-Kletter-Bergwacht-Gams, die eben mal schnell die verunfallte Gondel wieder auf Spur bringt. Das wetterfühlige Murmeltier, dessen meteorologische Kenntnisse in diesen Höhenlagen von immenser Bedeutung sind. Und der leutselige Party-Hase, der die Hütte bewirtschaftet.

Puppenbauerin Nele Matthies hat all diesen Wesen Gestalt gegeben - und Kuscheltieroptik mit spezifischen Charakterzügen vereint. Und Schauspieler Michael Amelung haucht ihnen Leben ein.

Witzig ist diese kleine beschauliche Welt (Ausstattung: Manuela Weilguni), schon weil Amelung immer mehr aus dem Koffer zaubert: einen automatischen Putzkäfer, eine Karottengirlande, raketenschnell austreibende Möhren. Der Hase wohnt im Riesenschuh und die Gams im Rucksack. Und dann schwebt da noch eine Umzugskiste via Heißluftballon heran - und setzt sachte auf dem Dogglspitz auf.

Plötzlich ist sie da, die Gefahr: Der Schusch zieht herauf. Und von ihm erzählt man sich Fürchterliches: riesig und zottelig soll er sein, am liebsten Hasenbraten fressen - und küssen wie ein Wilder. "Wir müssen ihn wieder loswerden", beschließen die Tiere. Und boykottieren natürlich auch die Einweihungsfeier, zu der der Schusch alle einlädt. Bis auf den Party-Hasen, der keiner Fete widerstehen kann.

Die anderen machen sich Sorgen. Doch als sie gerade zum Sturm auf das Schusch-Haus blasen wollen, werden sie Zeuge, wie sich Hase und Schusch aufs freundschaftlichste verabschieden. Der "schaurige Schusch" entpuppt sich dabei als niedliches, harmloses Tierchen - das eher Angst vor den Einheimischen hat. Und so werden aus Fremden Freunde. Schön ist dieses Spiel, weil Michael Amelung es nicht nur mit viel Witz, sondern auch mit großer Ernsthaftigkeit betreibt. Jedem Tier verleiht er eine spezifische Stimme, Haltung, Eigenschaft - betuliches Gackern hier, Bond-mäßige Coolness dort - und lässt sie doch als eingeschworene Gemeinschaft (die Tarndecke! ) auftreten. Er spielt sich durch alle Gefühlslagen: Angst, Unsicherheit, Verzagtheit, Empörung. Und der Mix aus Puppenspiel und Erzähltheater mit Verwandlungs-Papp-und-Klapp, unterschiedlichen Größenverhältnissen und Klimpermusik geht wunderbar auf. Theater für kleine Leute mit Erkenntnisgewinn, für das es nach 40 Minuten großen Beifall gibt.

DK


ZUM STÜCK
Theater:
Junges Theater Ingolstadt
Regie:
Katharina Wüstling
Ausstattung:
Manuela Weilguni
Puppenbau:
Nele Matthies
Vorstellungen
im Oktober sind bereits ausverkauft. Der Kartenvorverkauf für 12., 20. und 28. Dezember beginnt am 6. November, Telefon (0841) 305 47 200.

Anja Witzke