Pfaffenhofen

Taucher im Trüben

PK TRIFFT Stefan Akhawan – der Spezialist für Unterwassertechnik schweißt und bohrt im Dunklen

04.08.2014 | Stand 02.12.2020, 22:23 Uhr

Sprung ins dunkle Wasser: Der Halbiraner und gebürtige Münchener Stefan Akhawan geht auch selbst auf Tauchgang. Der komplette Anzug, in dem seine Taucher arbeiten, wiegt mit Bleigewichten über 60 Kilo. An Brücken und Tunneln verrichten sie Handwerkertätigkeiten, es dauert bloß alles länger als an Land. Selbst unter Wasser Schweißen gehört dazu, nur verglühen die Teilchen früher. - Fotos: Schober/oh

Pfaffenhofen (PK) Schlaff liegt die Gummisau am Boden. So heißt das Schlauchboot von Stefan Akhakwan und es muss gerade im Lager repariert werden. Deshalb steht der muskulöse Halbiraner mit den kübeldicken Waden jetzt vor dem schwarzen Ungetüm, zwischen Atemluftkompressoren und Luftschläuchen. Akhawan ist Berufstaucher und hat in Pfaffenhofen eine Firma für „Unterwasserarbeiten aller Art“, wie es auf seiner Visitenkarte heißt. Tatsächlich taucht er unter der Münchner U-Bahn durch Schächte und birgt Geldautomaten aus der Isar. Er geht baden, wo andere das Weite suchen würden.

„Bunte Fischerl bekommen wir bei der Arbeit leider nicht zu sehen“, scherzt der 49-jährige gebürtige Münchner. Zu seinem Arbeitsalltag gehört es in trüben morastigen Gewässern Tunnel und Bauten zu reparieren. Wie ein Bauarbeiter muss er bohren, schweißen und Fliesen verlegen – nur eben unter Wasser.

Oft sieht Akhawan dabei nichts. Beim Absaugen arbeitet er nahezu blind. „Wir müssen etwas ertasten können und dann entscheiden, was damit zu tun ist. Das kann eine tote Kuh sein oder, wie einmal, 16 Zigarettenautomaten“, erzählt Akhawan. „Da braucht man eine gefestigte Psyche.“ Mit seinen Pumpen und überdimensionalen Unterwasser-Staubsaugern steigt er in Grundwasserschächte ab. Manchmal ortet und birgt er alte Kriegsbomben, in Ausnahmefällen auch mal einen lange verstorbenen Menschen.

Seine Firma AUP ist der einzige Lehrbetrieb mit Fachzulassung für diesen Bereich in Bayern. Akhawan ist jetzt seit über 20 Jahren Berufstaucher, heute hat er elf Mitarbeiter. Davon zwei Tauchermeister und ein Betonbaumeister. Zu 95 Prozent arbeitet er für öffentliche Auftraggeber. Manchmal fragen aber auch Privatleute, ob er ihren verloren gegangenen Ehering aus einem Badesee fischen könne. Bisher hätten sie aber stets die Kosten gescheut. Das Verrückteste was er je fand, war ein ausgeraubter Geldautomat im Isarkanal. Akhawan hat gelernt: „Unter jede Brücke liegt irgendetwas im Wasser mit einem kriminellen Hintergrund, Pistolen, Messer, Raubgut.“ Obwohl das Geschäft ganz gut läuft, hat Akhawan ein Nachwuchsproblem. Er findet nur schwer neue Lehrlinge. Es sei eben ein Handwerksberuf und nichts für Sporttaucher, sagt Akhawan. „Nicht jeder ist für diesen Job geschaffen. Wir arbeiten in Dunkelheit und Morast. Bei manchmal nur vier Grad kaltem Wasser.“ Bei solchen Temperaturen müssten sich die Taucher eine dicke Isolationsschicht, den sogenannten Teddy-Anzug, unter ihre Neoprenanzüge ziehen. Riesig sehen sie aus, wie sie da in der Lagerhalle hängen. Einmal hat sich gar ein Aal in einen Taucheranzug verirrt. Denn Aale lieben das schlammige Wasser, in dem Akhawan oft unterwegs ist.

Wenn Akhawan vom Wasser spricht, dann benutzt er oft das Wort „Medium“. Er sagt: „Wir haben es hier mit einem Medium zu tun, das keinen schnellen Rückzug erlaubt.“ Man müsse sich auf die Menschen an der Oberfläche verlassen können. Die größte Gefahr bei seinem Job entstehe durch Baumängel oder plötzlich auftretenden Sog. Das sei manchmal, wie wenn man bei einer Badewanne den Stöpsel ziehe. „Ich scheue das Wasser nicht, aber man muss wissen wie gefährlich es ist, man kann es nicht bändigen.“

Ob er lieber Tauchlehrer in der Karibik geworden wäre? Nein, das wäre kein Traumjob für ihn. „Ich hatte schon immer eine Liebe fürs Wasser und habe mich für Technik interessiert“, sagt Akhawan. Als 16-Jähriger hat er in einer Pneumatik-Firma in Kalifornien gearbeitet. Vielleicht war das der Auslöser für diese Berufswahl. Getaucht hat Akhawan später an vielen Orten der Welt: Italien, Iran und Nigeria gehörten zu seinen Einsatzgebieten. Als Kind liebte er den Tiefseetaucher Jacques Cousteau, seine eigenen Kinder sind heute auch echte Wasserraten.

Und so fragt der quirlige Sohn Maximilian, mit drittem Namen Said genannt, den Papa neugierig: „Bringst du bald wieder einen Hummer mit“ Akhawan lacht. Zuletzt war er am Rottachsee unterwegs, ein unterirdischer Tunnel musste freigeräumt werden, weil eine Moräne niedergegangen war. Und da gebe es tatsächlich riesige Krebse, sagt er lachend.