Surreale Bilderalbträume

Die Pasinger Fabrik präsentiert erstmals den autodidaktischen Künstler Gottfried Peer Ueberfeldt - Das bewegte Leben des Wahlmünchners

09.06.2020 | Stand 02.12.2020, 11:12 Uhr
Joachim Goetz
Entdeckung der Farbe: Rot kolorierte Kopie einer Zeichnung von Gottfried Peer Ueberfeldt aus dem Jahr 2000. −Foto: Ueberfeldt

München - Er probierte sich aus, testete der Reihe nach die Genres der Kunst - und wechselte mitunter auch unbekümmert die Seiten.

Für den in Bonn aufgewachsenen Autodidakten Gottfried Peer Ueberfeldt (1945-2014) war das Leben die große und manchmal sogar großartige Sinnsuche. Nicht immer das Einfachste - hie und da auch unvollendet.

Nun präsentiert die Pasinger Fabrik, verzögert und verkürzt durch die Corona-Pandemie, erstmals nach seinem Tod eine umfangreiche Retrospektive, die den Wahlmünchner als bildenden Künstler, Comic-Zeichner, Autor, Kunstkritiker und Filmemacher vorstellt. Und sein bewegtes Leben dabei nicht vergisst.

Unter dem Titel "Live free or die" (eigentlich keine echte Alternative, sterben muss jeder) sind 75 schwarz-weiße und kolorierte Handzeichnungen, Siebdrucke sowie bearbeitete Kopien zu sehen. Als Autor wird er mit seinem unvollendeten und unveröffentlichten Roman "Sommerhitze" vorgestellt: eine sehr persönliche, perspektivenreiche Schilderung des Lebensgefühls der amerikanischen Südstaaten aus der Sicht von "Raphael", Ueberfeldts Alter Ego. Im Genre des Kriminialromans analysiert der Autor einfühlsam gesellschaftliche Mechanismen in den USA. Zu sehen ist auch der Film "Das vierte System", in dem Ueberfeldt am Drehbuch, bei der Regie sowie als Darsteller mitwirkte.

Als jungen Mann mit Macho-Allüren zeigt Heide Stolz den Darsteller auf ihren arrangierten großformatigen Fotografien, die in den späten 60er-Jahren in einer Kiesgrube bei Aschhofen entstanden. Der Zusammenhang: Als Ueberfeldt 1966 nach München kam, arbeitete er zuerst als Assistent der Galerie Heiner Friedrichs, bewegte sich bald in den avantgardistischen Münchner Kunstkreisen der Gruppe Spur und Co. Und zog schließlich in das Kelleratelier des inzwischen wieder entdeckten und vor 50 Jahren durch Suizid aus dem Leben geschiedenen Malers Uwe Lausen (1941-70), der mit Heide Stolz verheiratet war.

Ueberfeldts Tuschezeichnungen, die erstmals 1969 in der Galerie Neuhaus gezeigt wurden, fallen mit einer ungeahnten Präzision auf - dank ungewöhnlicher Technik. Der Künstler arbeitete nämlich mit dem für Architekten entwickelten, nicht ganz unkompliziert zu bedienenden und inzwischen ausgemusterten Rapidographen. Das war ein Tuschestift, der eine immer gleiche Strichstärke erzeugte. Jedenfalls bei zuverlässiger Wartung. Und wo er schon bei den Architekten war, verwendete Ueberfeldt auch gleich noch ein paar Stilelemente der Architektenzeichnung, wie man sie seit Döllgasts "Zitterstrich" in München schätzte: etwa gezitterte Schraffuren, weiße und schwarze Flächen, gepunktete Linien. Dazu noch ein bisschen fotografischer Realismus. Und schon ist der individuelle, ja kraftvolle Ueberfeldt-Stil entwickelt. Stilistisch war er von Comic und Pop Art beeinflusst.

Was ihn inhaltlich bewegte und wie sehr viele Künstler dieser Zeit von den mörderischen Gräueln des Zweiten Weltkriegs geprägt waren, zeigte Ueberfeldt in der von der Galerie Leonhard 1972 ausgerichteten Ausstellung "Neue Epik". Im Katalog schrieb er etwa: "Die Neue Epik hingegen ist eine optische Erzählform und die subjektive Umsetzung aller möglicher Zeitströmungen. Sie propagiert Extremsituationen wie Krieg, Terror, Heldentum, Einsamkeit etc. aus einer optischen und emotionalen Faszination heraus, ohne die gesellschaftspolitische Relevanz zu berücksichtigen. "

In den fein schraffierten Zeichnungen zeigt sich eine surreale Mischung aus Realität und Entfremdung, in denen historische Bauten, Städtebilder, künstlerische Landschaften wie Böcklins Toteninsel mit den Gewaltzeichen der Kriegsmaschinerie, mit Soldaten, Panzern, Jagdbombern, Kanonen kombiniert wurden. Der Kurator der Ausstellung Stefan-Maria Mittendorf schreibt dazu: "Voller Lust am Untergang, fasziniert von Waffen und klaren Verhältnissen zwischen Männern, die miteinander schlafen, wenn es nichts mehr miteinander zu bekämpfen gibt, wartet Ueberfeldt auf eine Gesellschaft, die von einer neuen Elite regiert wird. " Die kam aber nicht so schnell wie gedacht. So wanderte der Künstler 1975 erst mal nach Mississippi aus. Dort plante er für die 200-Jahr-Feier der USA das ambitionierte Projekt: "Psychogramm einer amerikanischen Kleinstadt am Beispiel Natchez Miss. "

Inspirieren ließ sich Ueberfeldt etwa vom Road Movie "Easy Rider". Porträts von Peter Fonda, Harley-Davidson-Motorrädern, Rail-Cross-Zeichen tauchten in den Bildern auf. Nach 20 Jahren kehrte er nach Deutschland zurück, siedelte sich 1995 wieder in München an - und entdeckte die Farbe. Er kolorierte Zeichnungen, auch Fotokopien. Gequälte Kreaturen, Zigaretten an Ketten, Überwachungskameras, Totenmasken fügte er zu ortlosen surrealen Bilder(albt)räumen. Die neue von ihm ersehnte Gesellschaft hatte sich einfach nicht eingestellt.

DK


Pasinger Fabrik, bis 16. Juni, Di bis So 17.30 bis 20.30 Uhr. Weitere Infos unter www. pasinger-fabrik. com.

Joachim Goetz