Ingolstadt

Stilistisches Neuland

Das Tzigan Gypsy Tango Trio in der Neuen Welt

05.07.2017 | Stand 02.12.2020, 17:50 Uhr

Mit dem Tango nach Russland: Alejandro Montero in der Ingolstädter Neuen Welt. - Foto: Leitner

Ingolstadt (DK) Denkt man an Musik aus Argentinien, fällt einem sofort der Tango ein, dessen verschiedene klassische Formen, die Milonga als Vorläuferin, der Tango Nuevo des Astor Piazolla. Viele Künstler und Ensembles spielen ihn.

Auch Gitarrist Alejandro Montero, Geiger David Macchione und Gabo Tello am chromatischen Knopfakkordeon gehören zu denen, die die Beschäftigung mit der ureigenen Musik ihres Heimatlandes zum Beruf gemacht haben. Früher nannten sie sich Zingaros, heute sind sie als Tzigan Gypsy Tango Trio unterwegs.

Beim Konzert in der Neuen Welt wird schnell deutlich, dass ihnen die Art von Tango, die in Touristenkneipen und Tangoschulen, auf Stadtfesten und zu Folkloreabenden passt, bei Weitem nicht genügt. Die Drei verknüpfen ihn vielmehr in erster Linie mit dem Gypsy-Swing aus Osteuropa, schauen also mit dem Herzen Argentiniens tief in die russische Seele und suggerieren, der Rio de la Plata fließe geradewegs mitten durch die Taiga. Nachdem man als Zuhörer mit spanischen, mit russischen und mit Texten in Romani konfrontiert wurde, zwischendurch sogar Elemente von Klezmer und Flamenco herauszuhören meinte oder sich stellenweise irgendwo auf dem Balkan oder gar im Orient zu befinden glaubte, wird die Lage mit fortlaufender Konzertdauer zunehmend unübersichtlich.

Genau dies freilich macht den Reiz aus, weil man sich gar nicht genug darüber wundern kann, was in stilistischer Hinsicht alles kombinierbar ist. Das Tzigan Gypsy Tango Trio bietet Worldmusic, wie man sie sich vorstellt. Drei Musiker demonstrieren auf höchstem Niveau ihre ganz eigene Form des Umgangs mit musikalischer Tradition.

Das Trio bringt das Kunststück fertig, verschiedene Musikarten, die jede für sich fest verankert ist im Alltag ihrer eigenen Gesellschaft und ihrer eigenen Region, durch Virtuosität und kompositorisches Geschick zu einer nicht selten polyrhythmischen Kunstform zu machen und also für den Konzertsaal zu präparieren, ohne dabei freilich das Feuer zu löschen, das ihnen allen innewohnt. Die Sehnsucht des Tangos, die Romantik hinter den Klängen der osteuropäischen Weite, Lebenslust, Melancholie, Sinnenfreuden - dies alles ist unverzichtbar und bleibt auch noch spürbar, nachdem Alejandro Montero als "gelernter" Musiker, Komponist und Arrangeur die Stücke "intellektuell" bearbeitet hat. Dass er mit diesem Konzept an diesem Abend genau den Nerv des Publikums in der Neuen Welt trifft, belegen zwei Zugaben.