Dietfurt

Stereoanlage und Festnetz statt Handy

Schüler schließen Mobiltelefone im Schultresor ein – Überraschende Erfahrungen

15.12.2014 | Stand 02.12.2020, 21:51 Uhr

Experiment geglückt: 18 Jugendliche der M 8 und die Lehrer Pia Nürnberger und Michael Waldmüller haben freiwillig ihre mobilen Telefone im Schultresor eingeschlossen. Danach haben sie sich wieder auf ihre Handys gefreut, waren aber auch aufmerksamer im Umgang damit. - Foto: Götz

Dietfurt (gtz) Fast vier Tage haben 18 Dietfurter Mittelschüler und zwei Lehrer auf ihr Handy verzichtet. Im Religionsunterricht wurde beim Thema „Sehnsucht nach Sinn“ über Süchte und damit auch über den Handykonsum gesprochen. Die Mobiltelefone wurden im Schultresor aufbewahrt.

Der Advent als Zeit des Innehaltens und der Konzentration auf das Wesentliche stieß das Projekt mit den Lehrern Pia Nürnberger und Michael Waldmüller an. Und tatsächlich: Mit Ehrgeiz hielten die Schüler der M 8 durch bis zur letzten Schulstunde am Freitag. Dann wurden die Handys in einer goldfarbenen Schachtel wieder aus dem Schultresor geholt.

Interessant und nostalgisch angehaucht waren die Erfahrungen der Jugendlichen, die das Telefonieren über das Festnetz sogar wieder einmal probiert hatten. Elias bedauerte, dass er nicht nach der vergessenen „Hausi“ fragen und sich die entsprechenden Anweisungen schicken lassen konnte. „Komisch“ war es, sagten andere. Aus Langeweile wurde Nintendo gespielt. Der Schlaf stellte sich ab 9 Uhr ein. „Zeit für mich“ zu haben, empfand er als positiv, auch dass er mal wieder mit dem Nachbarn spielte oder sich einfach nur ausruhte.

Dass er keine Musik hören konnte, störte Markus sehr, weil ihm zwei Stunden musikalische Entspannung täglich fehlten. Stattdessen wurde die Stereoanlage wieder einmal angestellt. „Deren Angebot kann ich jetzt auswendig“, berichtete er. „Scharf vermisst“ hat er das Handy, Spaß habe der Entzug nicht gemacht, trotzdem empfand er die Aktion als positiv. Gelegenheit zum „Ratschen“ fand Anna, die sich auch anderweitig beschäftigte, ihr Handy aber nicht noch einmal hergeben möchte. Die Mutter habe hinter dem Handyentzug zuerst eine Strafe vermutet. „Keine Termine ausmachen“ konnte Johannes, aber er fühlte sich „viel ausgeschlafener“ und „furchtbar aktiv“. Ein Buch tröstete Nicole, die sonst das Handy als Einschlafhilfe bemüht. Sebastians Bruder meinte, dass es sinnvoller gewesen wäre, die Playstation abzugeben. Mit Fernsehen vertrieb er sich die Zeit.

Beim Lernen im Schulbus auf dem morgendlichen Schulweg fehlte Max das Handy als Beleuchtungskörper. Doch weil auch sein altes Handy oft reparaturbedingt ausfiel, hatte er im Verzicht Routine. Nicole erkannte „wie oft man aus Langeweile aufs Handy schaut“.

Lob gab es für das Durchhaltevermögen der ganzen Truppe. Auch der Lehrer, der sein iPad abgegeben hatte, machte „total positive“ Erfahrungen, schlief vor Müdigkeit früh ein, seine Frau wollte sogar eine Verlängerung der Aktion, mürrisch habe aber der Sohn reagiert. Religionspädagogin Pia Nürnberger berichtete über Beobachtungen beim Partner, der immer wieder aufs Handy blickte, meist nur um nach der Uhrzeit zu schauen. Sie selbst konnte ohne Handy an ihrem Einsatzort nicht Bescheid geben, dass sie wegen einer Umleitung später kommen würde. Sein Handy unter dem Kopfkissen habe Kopfschmerzen verursacht, erzählte einer, der merkte, dass die Beschwerden verschwanden, als er es nicht mehr hatte. Der Klassenlehrer klärte über mögliche gesundheitliche Störungen und Schäden durch die Strahlung auf und redete den Schülern ernsthaft ins Gewissen, als auch von langen Handynächten bis 1 Uhr berichtet wurde. 11 Uhr sei die Grenze, „damit der eigene Akku durch den Schlaf wieder aufgeladen wird“.