Offenstetten

"Staat lebt vom Engagement der Bürger"

Liberale im Kreis Kelheim vergeben Preise an "Theater am Bahnhof" und florierenden Dorfladen

02.04.2019 | Stand 02.12.2020, 14:17 Uhr
Ausgezeichnet: Das Team vom "Theater am Bahnhof" in Abensberg mit der Jurorin Sophie Resch (links). −Foto: Bruckmeier

Offenstetten (DK) Zwei bemerkenswerte Gemeinschaftsprojekte sind jetzt mit dem Liberalen Bürgerpreis ausgezeichnet worden: das "Theater am Bahnhof" in Abensberg und der Dorfladen in Kirchdorf. In beiden Fällen würdigte die fünfköpfige Jury um den Abensberger FDP-Stadt- und Kreisrat Heinz Kroiss das außerordentliche bürgerschaftliche Engagement, das hinter diesen Initiativen steckt.

"Aus liberaler Sicht lebt der Staat vom Engagement seiner Bürger", sagte Kroiss, der den Liberalen Bürgerpreis vor neun Jahren initiiert hatte, am Abend der Verleihung in Offenstetten. "Wir wollen damit einen Akzent setzen und besondere ehrenamtliche Initiativen herausstellen. Der Bürger ist nicht Zuschauer, sondern der Hauptakteur in einer lebendigen Gesellschaft", sagte der Abensberger Stadt- und Kreisrat, der sich freute, dass die Ehrung in die mittlerweile achte Runde geht.

Kroiss' Dank ging an die Mitglieder der Jury mit Katja Listl aus Kelheim, Sophie Resch aus Offenstetten, Robert Faltermeier aus Kelheim und Josef Schillinger aus Mainburg, die es wieder einmal nicht leicht gehabt hätten, sich für einen beziehungsweise in diesem Fall zwei Preisträger zu entscheiden. Überhaupt sei die Resonanz in diesem Jahr bei etwa acht Vorschlägen im Vergleich zu den Vorjahren sehr groß gewesen.

Von der "guten Idee" einer solchen Auszeichnung sprach Landrat Martin Neumeyer (CSU) in seinem Grußwort. Zwei Drittel der bayerischen Bevölkerung seien im Ehrenamt aktiv, was der Kreischef als Zeichen für eine lebendige Gesellschaft wertete. Daniel Föst, der Vorsitzende der FDP Bayern, der mit seinem Generalsekretär Norbert Hoffmann dabei war, bezeichnete die Auszeichnung als "Preis für Menschen, deren Arbeit unbezahlbar ist". Die Preisträger bewiesen die Identifikation der Bürger mit ihrer Kommune und ihrer Nachbarschaft, so der Bundestagsabgeordnete, der davor warnte, ihnen auf ihrem Weg unnötig Steine in den Weg zu legen. Daher sein Appell an die Freiwilligen im Ehrenamt: "Lassen Sie sich von niemandem, und schon gar nicht von der Politik, stoppen."

Einer, der sich bei der Realisierung seiner Vision zusammen mit seinen Mitstreitern niemals vom einmal eingeschlagenen Weg abbringen ließ, ist Hans Schmid. Aus seiner Idee, eine Bühne zu schaffen, entstand das schmucke "Theater am Bahnhof" mit seinen 100 Plätzen. Aus einem verlassenen, baufälligen Lagerschuppen, erbaut im Kriegsjahr 1916 neben den Schienen, ist im Laufe der vergangenen zehn Jahre eine der angesagtesten Adressen im Kulturleben der Region geworden.

Bis zu vier Eigenproduktionen stehen pro Jahr auf dem Spielplan, und natürlich öffnet man die Bühne auch für das eine oder andere Gastspiel. Das nächste Highlight steht schon bevor: "Terror" von Ferdinand von Schirach, inszeniert von Franz Englbrecht, Premiere ist am 26. April. Ein mitreißender und spannender Gerichtsthriller über eine unsägliche Tat und deren furchtbare Konsequenzen. Das Besondere: Die Zuschauer sind an der Gerichtsverhandlung beteiligt und bestimmen am Ende als Schöffen das Urteil, welches dann vom Richter verkündet wird. Bekannt wurde das Stück durch seine Fernsehverfilmung mit Burghart Klaußner als Vorsitzendem Richter, Martina Gedeck als Staatsanwältin und Florian David Fitz als Angeklagter Major Lars Koch. Der Plot: Ein Kampfflieger der Bundeswehr schießt einen voll besetzten Jumbo ab, dessen Entführer damit drohten, das Passagierflugzeug in die Allianz Arena mit 70000 Zuschauern stürzen zu lassen.

Genau wie Hans Schmid für sein "Theater am Bahnhof" betonte auch Alfred Schiller in seiner Vorstellung des Dorfladens in Kirchdorf den Gemeinschaftsgedanken, der hinter diesem ehrgeizigen Projekt steht. Ganz bewusst stemmen sich die Bürger des weniger als 1000 Einwohner zählenden Orts gegen die Übermacht der Discounter und Supermarktketten. Anstatt "Billigheimer" ist Qualität gefragt, und die darf auch schon mal ein paar Cent mehr kosten. Der Erfolg gibt den Initiatoren recht. "Unser Dorfladen schreibt seit 2017 schwarze Zahlen", vermeldete der Geschäftsführer Alexander Buchner stolz. Und die gesteckten Ziele sind weiterhin hoch, wenn man ihm glauben darf: "Wir sind mit unserem Dorfladen von der Regionalliga in die Bundesliga aufgestiegen und wollen jetzt in die Champions League."

Der Erfolg rief leider auch den einen oder anderen Neider auf den Plan. Die daraus entstandene "Affäre" liegt bis heute wie ein Schatten über dem durch und durch gemeinnützigen Projekt. So fühlten sich Rechtsaufsicht am Landratsamt und Staatsanwaltschaft aufgrund einer anonymen Strafanzeige gegen Bürgermeister Alfred Schiller von der Unabhängigen Wählergemeinschaft (UWG) bemüßigt, die ganz schweren Geschütze aufzufahren. In der Folge kam es zu Hausdurchsuchungen, Telefone wurden abgehört und das Ganze wegen - zugegeben zumindest fragwürdiger - Vergabepraktiken während der Projektplanung und des Baus der Gemeinschaftseinrichtung. Die Folge: Seit zweieinhalb Jahren ist Alfred Schiller vom Dienst des ehrenamtlichen Bürgermeisters der 900-Seelen-Gemeinde suspendiert. Ein Ende der seit vier Jahren laufenden Ermittlungen ist dem Vernehmen nach nicht abzusehen.

Im Dorfladen selbst lässt sich davon niemand kirre machen. Täglich ist von 6 bis 18 Uhr geöffnet, und die Kunden kommen in Scharen. Bis zu 130 Kauflustige sind es an Spitzentagen, und sie kommen aus einem Umkreis von rund 50 Kilometern, weil sie das frische Sortiment von Lieferanten vorwiegend aus der Region und vor allem das angenehme Einkaufsambiente, oft auch bei einer Tasse Kaffee, zu schätzen wissen. "Ich glaube, wir haben längst auch die Skeptiker überzeugt", zieht Alfred Schiller Bilanz, auch wenn er persönlich für seine Vision einen hohen Preis zu zahlen hatte.

Harry Bruckmeier