Ingolstadt

Spontane Geschichten

Autor Jens Rohrer liest im Klinikum

21.11.2014 | Stand 02.12.2020, 21:57 Uhr

Ingolstadt (mbl) Was macht ein Hypochonder, wenn er gerade keine Krankheit in sich fühlt? Er sucht sich eine im Internet! Die Beulenpest zum Beispiel. Die recherchiert der Protagonist, ein eingebildeter Kranker, in der Geschichte von Jens Rohrer über eine Suchmaschine.

Und weil mit der Beulenpest nicht zu spaßen ist, erklärt er sich über die sozialen Netzwerke auch gleich selbst für tot. Zu früh gefreut, heißt es dann jedoch: Denn die hochgradig ansteckende Infektionskrankheit entpuppt sich als profane Grippe und der Hypochonder sattelt um auf Schwindsucht.

Die Erzählung vom eingebildeten Kranken ist einer von fünf Auszügen aus verschiedenen Romanen, die der Ingolstädter Autor Jens Rohrer am Freitag am späten Nachmittag anlässlich des bundesweiten Vorlesetages in einer Wartezone im Foyer des Klinikums vorgetragen hat. Für Rohrer war es bereits die vierte Lesung dieser Art, die er unangekündigt in öffentlichen Räumen ansetzt, auch um zu sehen, wie zufällig vorbeikommende Passanten reagieren. Einige Besucher blieben tatsächlich stehen und ließen sich mitnehmen auf eine literarische Spontanreise unter anderem mit Texten von Fjodor M. Dostojewski, John Irving und Robert Seethaler. Hinzu kamen ein paar Eingeweihte, die sich über die sogenannte Guerilla-Lesung vorab in einem sozialen Netzwerk informiert hatten.

Unter ihnen befand sich Michaela, die sich generell für Lesungen aller Art wie beispielsweise Poetry Slams begeistern kann. „Ich finde den Mut bewundernswert“, sagt sie. Aber auch, dass Schauplatz und Inhalt der Geschichten präzise aufeinander angestimmt sind, findet sie originell. Stefan Wagner hat zum ersten Mal an einer Guerilla-Lesung teilgenommen und würde es auch wieder tun, wie er sagt. Er findet die Aktion gut. „Weil so ein hektischer Ort durch Literatur auch mal entschleunigt wird“, findet er.

Rohrer, der nicht angemeldete Lesungen schon vor einem Schnapsregal im Discounter (mit Texten von berühmten Alkoholikern) und in einem Fisch-Restaurant (mit Auszügen aus „Der alte Mann und das Meer“ von Ernest Hemingway) abgehalten hat, möchte mit der Aktion Literatur an Orte bringen, an denen sie normalerweise nicht vorkommt und so auch den einen oder anderen Nicht- oder Wenigleser dazu bewegen, mal wieder ein Buch in die Hand zu nehmen, wie er bekundet.