Pfaffenhofen

Spiel der Geschlechter

23.11.2017 | Stand 02.12.2020, 17:10 Uhr

−Foto: Josef Schenker

Pfaffenhofen (PK) Das Wandeln zwischen den Welten gehört für Josef Schenker immer dazu. Jeans, Pulli, kleines Bäuchlein, gepflegter Kurzhaarschnitt: Wenn der 47-Jährige am Tisch sitzt und aus seinem Leben erzählt, wirkt er unauffällig. Der gebürtige Pfaffenhofener ist zurückhaltend, seine Dachauer Wohnung heimelig.

Schenker ist gerade nach Hause gekommen. In sein Rückzugsgebiet am Ende stressiger Arbeitstage. "Ich bin Energiehändler", sagt er trocken. Mit Heizöl und Gas verdient er seinen Lebensunterhalt. Ein echter Männerjob, den er sich nach der Lehre im Pfaffenhofener Kaufhaus Urban zum Einzelhandelskaufmann, nach langen Jahren bei Ikea in Eching und Ulm ganz bewusst ausgesucht hat. Der Grund für den Wechsel? Mehr Zeit für seine Leidenschaft: die Travestie.

Schenkers Fingernägel sind lang, fein, perfekt gepflegt. Erstes Indiz auf femininen Touch hinter rustikaler Fassade. An den Wochenenden verwandelt sich der 47-Jährige in Jaqueline Mattel, eine schrille Frau im besten Alter. Sie steht auf der Bühne, reißt Witze, flirtet heftig drauflos. Und singt Schlager und Hits. Josef Schenker ist einer von wenigen Travestiekünstlern in Bayerns Süden. Morgen steht er als Kopf der "Herrlichen Grazien", wie sich die Münchner Travestiegruppe nennt, beim Alten Wirt in Rohrbach. Übrigens schon zum vierten Mal in relativ kurzer Zeit. Der Auftritt ist ausverkauft. Schon lange. Doch wer Blut geleckt hat, kann sich noch einen Platz beim Zusatzauftritt am 27. Januar an selber Stelle sichern. Einfach per E-Mail an jo sef_schenker@web.de.

Eigentlich gibt es sieben "Herrliche Grazien". In Rohrbach tritt Jaqueline Mattel aber lediglich an der Seite von Elvira Extasia auf. "Ich bin die Ulknudel. Elvira ist schrill, bunt und hat immer witzige Ideen", verrät Schenker. Dann fügt er nur noch an, dass es noch einen geheimen Überraschungsgast geben wird. Und dass in Rohrbach das neue Programm "Träume" seine Premiere erlebt. Was dann folgt, ist fast so etwas wie eine Lebensbeichte. Die Geschichte, wie aus einer frühen Leidenschaft für den Fasching und das Verkleiden sowie dem Wunsch, irgendwann mal so richtig berühmt zu werden, eine Karriere als Travestiekünstler resultiert.

Über 15 Jahre ist es her, dass Josef Schenker seine erste Travestieshow gesehen hat. "Bei einem Sketch habe ich Tränen gelacht", erzählt er. "Homebanking" heißt er. Es geht um eine Frau, die von vielen One-Night-Stands frustriert ist. Davon inspiriert begann Schenker auf Geburtstagen und Hochzeiten, auf Partys und Firmenfeiern selbst als Travestiekünstler aufzutreten. Anfangs nur amateurhaft, aber mit tollem Feedback. "Die Leute waren begeistert. Sie haben mich ermutigt - und dann habe ich das eben professionell gemacht, weil es mir einfach unheimlich viel Spaß bereitet." An der Seite von Alexis Diamantis trat er jahrelang im Duett auf. Sieben bis acht ausverkaufte Shows pro Jahr, im Optimalfall vor bis zu 200 Gästen - das war die Regel. Vor fünf Jahren endete diese Ära. Die Zeit der "Herrlichen Grazien" begann. Den Sketch "Homebanking" hat Jaqueline Mattel übrigens bis heute in jedem Programm.

Die Anlage zur Travestie trug Josef Schenker lange in sich. Wenn er über "Träume" spricht, ist das wie ein Rückblick auf sein Leben. "Das Verkleiden habe ich schon als Kind geliebt", sagt er. In den 80er Jahren kam sein Faible für Madonna hinzu. "Sie ist meine Ikone. Weil sie wahnsinnig wandlungsfähig ist." Als sich Schenker dann zum ersten Mal als Frau verkleidete, habe es sich "mehr wie ein Mann im Fummel" angefühlt. Es wirkte nicht echt. Also packte er eine Schippe drauf. Und heute dauert die Wandlung von Josef Schenker zu Jaqueline Mattel rund zweieinhalb Stunden. Die feinen Fingernägel, das viele Rasieren sind Grundvoraussetzungen. Aber das Schminken ist das Wichtigste. Erst die professionelle Grundierung. Darauf die Farbe. In Schenkers Schränken hängen Dutzende Kleider. Und in den Kisten daneben lagern fast 90 Perücken. Rote, blonde, brünette und schwarze. "Ich verkleide mich möglichst perfekt. Aber anders als bei vielen Kollegen, ist bei mir nichts tätowiert. Und schon gar nichts operiert. Ich bin keine Dragqueen, sondern ein Mann - und will auch einer bleiben. Sobald ich von der Bühne gehe und mich abschminke, bin ich sofort wieder Josef." Doch schon beim Schminken verändert sich die Gestik, die Mimik, die Stimmlage. "Das ist wie ein Schalter, den ich umlege. Für das Spiel mit den Geschlechtern, das irre viel Spaß macht."

Jaqueline - der Spitzname wurde Josef im Zug des Bully-Films "Der Schuh des Manitu" verpasst - ist "ein klein bisschen" wie Josef selbst. Mit dem Unterschied, dass sie sich alles trauen kann und ihr das keiner übel nimmt. Da jeder Travestiekünstler auch einen Nachnamen hat, kam in Jaquelines Fall auch noch Mattel hinzu. Neben zahllosen Kleidern und Perücken nennt Josef Schenker nämlich auch noch 42 Barbiepuppen sein Eigen. Den Wunsch, dauerhaft eine Frau zu sein, verspürt Schenker übrigens kein bisschen. "Das ist nur ein Spiel. Ich will niemanden missionieren. Auch nicht provozieren. Ich gehe als Jaqueline Mattel nur auf die Bühne, nicht durch die Straßen."

Die Welt im Kleinen zu verändern, gelingt ihm trotzdem manchmal. "Ich habe schon echte Hasser dazu gebracht, bei der Show begeistert mitzulachen." Obwohl er kein politischer Künstler ist, erfüllt ihn das mit Stolz. So wie volle Säle in Rohrbach oder in Niederbayern, wo die Grazien auch regelmäßig zu Gast sind. "Je ländlicher es wird, desto weniger kennen die Menschen die Travestie", meint er - und will das ändern. Auf die Frage, ob eigentlich alle Verwandlungskünstler schwul seien, überlegt er kurz. "Ich kennen einen Berliner, der ist hetero", sagt er. Und nach einer kurzen Pause fügt Schenker an. "Das ist Geschmackssache. Aber mir ist er zu männlich. Schwule haben halt doch den besseren Touch."