Spargel wichtiger als Pflege?

Corona-Krise: Betreuungsdienste mit überwiegend osteuropäischen Kräften vor Problemen - Appell an Politik

24.03.2020 | Stand 02.12.2020, 11:40 Uhr
Eine Pflegerin betreut eine Seniorin - viele aus der Branche stammen aus Osteuropa. −Foto: Imago Images

Ingolstadt/Pfaffenhofen - Es passierte von heute auf morgen: Die Pflegerin der betagten Eltern war zurück nach Polen gefahren, ihre im Austausch angekündigte Kollegin tauchte aber nicht auf.

 

Vor diesem Problem stand jetzt eine Familie aus dem Landkreis Pfaffenhofen und wusste nicht weiter. Wer sollte sich nun um die beiden Senioren kümmern, die auf Unterstützung angewiesen sind? "Wir haben acht Tage überbrücken müssen und dann zum Glück jemanden aus Ingolstadt bekommen - eine Betreuerin, die zufällig frei geworden ist, weil die von ihr gepflegte Frau ins Heim gebracht worden ist", erzählen die Betroffenen. Ihr Fall steht exemplarisch für etliche andere, denn wegen der Corona-Krise und geschlossener Grenzen stehen die Vermittler der überwiegend aus Osteuropa kommenden Pflegekräfte vor einigen Herausforderungen.

In Deutschland gibt es zahlreiche Pflegedienste, die ambulante Leistungen, aber auch Alltagsbetreuung rund um die Uhr anbieten. Die Kräfte stammen meist aus Bulgarien, Polen oder Rumänien und arbeiten aus steuerlichen Gründen oft nicht dauerhaft hier, sondern wechseln immer wieder durch - manche alle paar Wochen, andere bleiben drei Monate oder länger. Die Vermittler organisieren den Austausch bisher mit Bussen, um die einen zurück in die Heimat und auf dem Rückweg die anderen mit nach Deutschland zu bringen.

Im Fall der Familie aus dem Kreis Pfaffenhofen lag das Problem dem Vernehmen nach darin, dass die Busfahrer nicht riskieren wollten, wegen einer einzigen Tour nach Polen bei der Rückreise für 14 Tage in Quarantäne gesteckt zu werden. Zwischenzeitlich regelten die Agenturen es so, dass die Busse jeweils nur bis zur Grenze fuhren, und die Reisenden dort zu Fuß auf die andere Seite wechselten - jeder Fahrer blieb also im eigenen Land. Zuletzt waren Kleinbusse im Einsatz.

Die Corona-Krise wird in Sachen Pflegekräfte noch einiges Kopfzerbrechen bereiten, bei Vermittlern ebenso wie bei deren Kundschaft. Der Anbieter "Hausengel" etwa fordert in einer Stellungnahme auf seinem Internetauftritt die Politik zum Handeln auf, denn es "können immer weniger Betreuungskräfte nach Deutschland kommen". Als "beschämend" bezeichnet Vorstandsmitglied Juliane Bohl, dass "primär darüber diskutiert wird, wer den Spargel ernten soll", statt die Betreuung Pflegebedürftiger in den Fokus zu stellen. Ihr Haus habe Notfallpläne erarbeitet, noch seien Bestandskunden gut versorgt, erklärt sie. Sollten aber Wechselpartner nicht mehr einreisen dürfen, könne die ambulante Versorgung nicht sichergestellt werden. "Die betroffenen Familien sind verzweifelt, weil sie für ihre pflegebedürftigen Angehörigen weder eine Betreuungskraft noch einen ambulanten Pflegedienst finden", stellt Bohl weiter fest. Die Bundesregierung müsse deshalb "eine praxisnahe und schnelle Regelung" für Betreuungskräfte finden. Rund 300000 Haushalte in Deutschland seien auf diese Versorgung angewiesen.

Andere Anbieter sind ebenfalls alarmiert. "Durch die fehlende Erfahrung einer solchen Situation haben viele Betreuungskräfte, aber auch Kunden Angst. Pflegekräfte bleiben in Polen oder kommen nicht mehr über die Grenze", sagt Daniel Pochhammer, Geschäftsführer der Agentur "Pflegehelden". Für die Pflegekräfte gebe es deshalb einen Blog mit Informationen zu allen relevanten Hygiene- und Schutzmaßnahmen. Für Kunden biete sein Haus ebenfalls ein solches Angebot. "Zusätzlich steht ein 30-köpfiges Team von Ansprechpartnern inklusive zweier Psychologen telefonisch zur Verfügung, was sehr gut angenommen wird", berichtet Pochhammer.

Bei den "Pflegehelden" betreffe der Notstand derzeit vier Prozent der Kunden, die in den nächsten sieben Tagen eine Betreuungskraft benötigen und noch keine haben. Kleinere Anbieter seien vermutlich "sehr viel mehr betroffen". Die Agentur beschäftige derzeit 2500 Kräfte, etwa 290 hätten ihren Einsatz abgebrochen oder seien nicht angereist, sagt Pochhammer. Dafür hätten 360 andere ihre Zeit in Deutschland verlängert - aus Solidarität, aber auch, um in der Heimat nicht in Quarantäne zu müssen. Statt des Bustransfers würden künftig Einzelreisen angestrebt, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Pochhammer möchte weiter den ambulanten Dienst ausbauen, um Defizite beim 24-Stunden-Service abzufangen.

Die Promedica-Gruppe, nach eigenen Angaben mit über 8000 Alltagsbetreuern größter Anbieter in Deutschland, sieht die Situation dagegen noch relativ entspannt. "Mögliche Engpässe in der häuslichen Versorgung älterer Menschen können wir derzeit nicht bestätigen", kommuniziert sie per Internet. "Wir sind bisher nicht betroffen, alles läuft sehr gut", sagte Marketingdirektor Christian Resas auf Anfrage. "Da hat es ein paar Fragezeichen gegeben, aber keine tatsächlichen Probleme. "

DK

Horst Richter