Augsburg

Solo für Baal

Thomas Thieme spielt das frühe Brecht-Stück im Theater Augsburg

04.02.2013 | Stand 03.12.2020, 0:32 Uhr

Fokus auf den Text: Thomas Thieme spielt Brecht - Foto: Brecht-Festival

Augsburg (DK) „Ich will noch ohne Haut leben“, bricht es aus dem lebenshungrigen und zugleich lebensübersatten Baal heraus, jenem von Bertolt Brecht ersonnenem Lyriker, der Frauen verschlingt und seinen einzigen Freund tötet. Der Schauspieler Thomas Thieme, der den Baal 1991 am Wiener Burgtheater spielte und ihn vor zehn Jahren als Regisseur am Deutschen Nationaltheater Weimar auf die Bühne brachte, präsentierte beim Brecht-Festival am Sonntag im Theater Augsburg eine „konzertante“ Aufführung des Stücks.

Thieme trug den Text samt all seiner Rollen alleine vor. In seiner Einführungsrede erklärte er das Konzept: Nicht die Einverleibung aller Figuren im realistischen Sinne stehe im Mittelpunkt und nicht immer werde das Publikum gerade wissen, wer spricht. Was auch nicht wesentlich sei, weil die nötige Stimmung und das nötige Gefühl dennoch spürbar sein sollten. Dass dies tatsächlich gelang, lag nicht zuletzt auch am zweiten Mann auf der Bühne: Thiemes Sohn Arthur, der auf der Bassgitarre den Abend mit Musik, oft mehr noch mit Klang und Rhythmus unterlegte.

Brechts „Baal“ montiert aus loser Szenenfolge das Bild eines Berserkers, eines Mannes, der nicht nur an der Welt scheitert, sondern nachgerade als Figur mit „asozialem Anspruch“ konzipiert ist, wie Thomas Thieme darlegte. Mit brüchigem Handlungsstrang, unterbrochen von Gedichten und Liedern, und einem auf Bilder setzenden, oft sperrigen Text ist „Baal“ ein komplexes Stück. Umso beachtlicher ist die Leistung Thiemes, der eine brutale, in sich abgeschottete, eine in und an der Welt leidende, haltlose Gestalt sichtbar machte, die viel mehr Kreatur ist als Mensch. Schon früh am Abend, während das Bild Baals noch aus nur wenigen Mosaiksteinen besteht, lassen Thomas und Arthur Thieme von dieser Figur fühlen und ahnen, was man noch gar nicht wissen kann.

Erstaunlicherweise erfüllt die Musik an diesem Brecht-Abend nicht die Funktion der Verfremdung, die ihr der Dichter in seiner erst später entstandenen Theorie vom epischen Theater zugeschrieben hat. In Augsburg war die Musik viel mehr eine Brücke in das Stück und in das Innenleben seines Protagonisten hinein, was die seltene Kombination zur Folge hatte, dass ein Brecht-Abend auch mit großen Gefühlen einherging.

Der starke Fokus auf den expressiven Text ließ Bilder zu, die im Kopf und nicht auf der Bühne entstanden. Thomas Thieme hat den Text so millimetergenau vermessen, seine Nuancen so fein ausgelotet, dass es geradezu leicht war, Motivsträngen nachzulauschen, immer wieder auf jene mal unschuldigen, mal todgeweihten weißen Frauenschenkel zu stoßen, immer mit Baal unter dem gleichen Himmel zu stehen, dessen Wolken zu ertragen, jenen Himmel im Kopf zu fühlen, seine Unendlichkeit zu spüren und es auszuhalten, wenn dieser Himmel sich herabsenkt.

So wurde der Abend über den Lyriker Baal auch ein Abend über die Möglichkeiten und die Macht von Poesie an sich, wurde die Sprache auf der kargen, dunklen Bühne ein eigener Darsteller.

Jeder Atemzug, jedes Wispern, jede Pause trafen so exakt wie jeder Gitarrenton auf Worte, Stimmung und Bilder. Auf schmalstem Grat begegneten sich Sehnsucht und Gewalt in einer Kreatur, die man sicher nicht so schnell vergisst. Ein großer, viel beklatschter Abend für Brecht und ein Abend, der zeigt, was Theater wirklich sein kann.