Eichstätt
Simplicissimus im Single-Mekka

Der Autor Michael Kleinherne las aus seiner Novelle "Daniel"

12.12.2014 | Stand 02.12.2020, 21:52 Uhr |

Michael Kleinherne las in der Chocolatique - Foto: buk

Eichstätt (wbu) Daniel ist Anfang 30 und lebt in München, dem Mekka der Singles, wo er nach einem abgebrochenen Studium in einem Altenheim jobbt. Und er ist der Protagonist der nach ihm benannten Novelle, die der Eichstätter Autor Michael Kleinherne soeben auf den Buchmarkt schickte.

Nun stellte Kleinherne sein Buch frisch aus der Druckerpresse („aber ich les trotzdem noch gern aus den Korrekturfahnen“) in der schicken kleinen Café-Bar Chocolatique in der Pfahlstraße vor.

Dazu waren gleich zwei aufeinanderfolgende Lesungen nötig: Denn der anheimelnd kleine Raum war bereits bei der ersten Lesung mit rund 25 Besuchern an die Grenzen seiner Kapazität gelangt, was der Lesung eine geradezu familiär-intime Atmosphäre verlieh – zumal sich auch alle Generationen im Publikum befanden. Zur folgenden zweiten Lesung kam dann eine kleinere Gruppe von Zuhörern.

„Daniel gehört zur ’Generation Y’, zu jener Art der 20- bis 30-Jährigen, die man als Ego-Taktiker bezeichnet“, charakterisiert der Autor eingangs den Helden seines Textes, bei dem er sich nicht so recht entscheiden will, ob es sich – wie der Untertitel festlegt – wirklich um eine „Novelle“ oder nicht doch einen „kleinen Roman“ handelt.

Für die letztere Kategorie spräche, dass sich das Buch in fünf Hauptkapitel gliedert, auf welche sich die genau 50 Abschnitte (eine autobiografische Selbstanspielung des im Jahr 1964 geborenen Autors) verteilen. Und vielleicht kann man den Protagonisten sogar ein wenig auf einer Art Heldenreise sehen, ein junger Mann, der wie ein moderner Parzival oder Simplicissimus aus einem Zustand der „tumben“ Unkenntnis heraus unbewusst seiner Bestimmung auf der Spur ist, die Abenteuer aber dabei nicht mehr in „ritterlichen Aventiuren“ oder in den Wirren eines Krieges sucht, sondern in der Wildnis der Großstadt. Dass ihm dabei ein „außergewöhnliches Ereignis“ widerfährt, nämlich die Begegnung mit einer Heimbewohnerin, deren Geschichte für sein eigenes Leben eine gravierende Rolle spielt, weist dann aber doch wieder auf die Gattung der Novelle hin, die zwingend ein „unerhörtes Ereignis“ fordert. Worin dieses Ereignis besteht, das ihm eine heilsame Kollision mit der Realität beschert, lässt Kleinherne in der Lesung natürlich offen.

Die Leser sollen ja noch in Spannung darüber gehalten werden, was es mit diesem Daniel auf sich hat, der sich mit Arbeitskolleginnen über Frauenbekanntschaften austauscht, sich mit seiner Schwester Angela gut versteht, sie in Hamburg besucht, als Single durch die Singlehauptstadt streift, aber von einer Heiminsassin für ihren Ehemann gehalten wird. Seinen Text trägt Kleinherne in angenehm ruhiger Diktion vor; die Sorge, ob man ihn „auch hinten gut versteht“, erweist sich in der Chocolatique als unbegründet. Passend zur Jahreszeit geht es in einem Kapitel um Weihnachten, das Daniel in einer Skihütte verbringt, und auch das Verhältnis von Bruder und Schwester wird näher beleuchtet.

Man hört diesem Text gerne zu: Kleinherne, der vor drei Jahren mit „Drehpause“ sein literarisches Debüt gab, präsentiert eine nüchterne, aber nie kalte Prosa, die neugierig macht auf diesen Protagonisten und seine „Gralssuche“. Deshalb sollte man sich diese kleine Novelle nicht entgehen lassen.

Michael Kleinherne: Daniel. Novelle. Bayerischer Poeten- und Belletristik-Verlag Reichertshofen 2014, 202 Seiten, Preis 9 Euro.