München
"Sie konnten nur um ihr Leben rennen"

40 Jahre nach dem Attentat bei Olympia 1972 kehren israelische Teammitglieder an den Tatort nach München zurück

24.02.2012 | Stand 03.12.2020, 1:47 Uhr

 

München (DK) Vor 40 Jahren überfielen palästinensische Terroristen bei den Olympischen Spielen in München die Unterkunft des israelischen Teams – elf der Sportler wurden getötet. Für eine Fernsehdokumentation kehrten nun sieben Teammitglieder gemeinsam an den Ort des Geschehens zurück.

Sie haben überlebt. Doch bis heute leben sie mit einem Trauma. Trotz dieser Tatsache sind nun sieben israelische Sportler der Olympia-Mannschaft von 1972 noch einmal gemeinsam nach München gereist. „Ich bin mit gemischten Gefühlen hier“, sagte Avraham Melamed. Der heute 67-Jährige war 1972 als Trainer einer israelischen Schwimmerin in München. „Wir haben hier eine großartige Zeit – aber nur deshalb, weil wir damals unsere schlimmste erlebt haben.“ Für Melamed war es der erste Besuch in München seit dem Anschlag.

Was die Sportler zu erzählen haben, bewegt. So berichtete Zelig Shtorch – er war damals als Sportschütze zu Olympia gekommen – er habe sich während des Angriffs hinter einem Vorhang versteckt, mit der geladenen Waffe in der Hand. Da habe plötzlich der Anführer der Terroristen vor ihm gestanden. „Seit 40 Jahren frisst sich diese Frage in mich hinein: Warum habe ich ihn nicht erschossen“, sagte der heute 65-Jährige. „Vielleicht hätte ich ein Leben retten können. Aber wäre nur einer mehr wegen mir umgekommen, würde ich mich bis heute schuldig fühlen.“

Von den Leiden nach dem Anschlag berichtete Gad Tsabary – er nahm damals als Ringer an den Spielen teil. Der heute 68-Jährige wurde zuerst von den Terroristen gefangen genommen, konnte dann aber fliehen. Wochenlang habe er danach Albträume gehabt, erzählte er. Erst ein Psychologe habe ihm helfen können. „Er sagte: Mach’ wieder Sport.“ Er brauche immer eine Beschäftigung, um sich abzulenken. Heute besitzt Tsabary ein Restaurant und baut Wein an.

Und auch das Thema Rache ist für die Isrealis kein Tabu. Die überlebenden Terroristen und am Attentat Beteiligten wurden später vom israelischen Geheimdienst Mossad ermordet. Als einer der für den Anschlag Verantwortlichen getötet wurde, „habe ich mich gefreut, dass er die Radieschen von unten sieht“, sagte Shaul Paul Ladany. Der heute 75-Jährige nahm damals als Geher an den Spielen teil.

Die Sportler berichteten auch von fast nicht vorhandenen Sicherheitsvorkehrungen, die mitverantwortlich waren für den offenen Charakter, der – bis zum Anschlag – gerne als „die heiteren Spiele von München“ bezeichneten Olympischen Spiele. Einen Ausweis für Athleten habe man zwar besessen, aber nie vorzeigen müssen. Ein Trainingsanzug habe schon gereicht. „Und wenn man beim Eingang nicht kontrolliert werden wollte, ging man eben zum Ausgang rein.“

Deswegen hatten die Terroristen am 5. September 1972 – der elfte Tag von Olympia – leichtes Spiel: Gegen 4 Uhr morgens drangen acht Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September“ in die Unterkünfte des israelischen Teams in der Connollystraße 31 ein. Die mit Sturmgewehren bewaffneten Männer nahmen elf Geiseln. Zwei der israelischen Sportler wurden noch im Olympischen Dorf erschossen.

Die Terroristen verlangten, ausgeflogen zu werden und wurden mit Hubschraubern zum Flughafen Fürstenfeldbruck gebracht. Dort starteten die schlecht ausgestatteten Polizisten eine Befreiungsaktion, die jedoch völlig missglückte. Am Ende starben alle israelischen Geiseln, ein Polizist sowie fünf der Terroristen.

Eingeladen hatte die Sportler der Bezahlsender „Bio – The Biography Channel“ anlässlich seiner Dokumentation „Der elfte Tag – Die Überlebenden von München“, die am 7. Juli um 20 Uhr ausgestrahlt werden soll. Begrüßt wurden die Israelis vom Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (SPD). „Niemals wieder werden die Olympischen Spiele so unbeschwert sein wie zum Auftakt der heiteren Spiele in München“, sagte Ude. „Es ist auch nicht einfach, mit dem Glück zu Leben, davon gekommen zu sein.“

Ude spielte darauf an, dass die Sportler bei ihrer Rückkehr nach Israel nicht nur mit offenen Armen empfangen wurden. Man machte es ihnen praktisch zum Vorwurf, dass sie überlebt hatten. Produzent Emanuel Rotstein nahm sie in Schutz: „In diesem Moment gibt es keine Helden“, sagte er. „Sie konnten nur um ihr Leben rennen.“