Impfen - oder Freistellung

Shitstorm gegen Pfaffenhofener Zahnarzt

Er hatte impf-unwilligen Mitarbeitern mit Freistellung gedroht - auch Landratsamt könnte Ärger bekommen

11.01.2021 | Stand 16.01.2021, 3:34 Uhr
Mit massiven Anfeindungen muss sich ein Pfaffenhofener Zahnarzt auseinandersetzen: Er hatte seinen Mitarbeitern mit Freistellung gedroht, falls sie sich nicht gegen das Coronavirus impfen lassen wollen. −Foto: Gabbert, dpa

Pfaffenhofen - Drohungen, Anschuldigungen, Beschimpfungen. Und das nicht nur in den sozialen Netzwerken. Außerdem ein riesiges Medienecho: Ein Pfaffenhofener Zahnarzt hat mit seinen Aussagen zur Coronaimpfung seiner Mitarbeiter in unserer Zeitung für eine bundesweite Kontroverse gesorgt. Die "Bild" berichtete genauso darüber wie die "Berliner Zeitung" und "RTL".

 

Der Zahnarzt hatte für sich und seine Angestellten einen Impftermin am Samstag bekommen und seinen Mitarbeitern per WhatsApp mitteilen lassen: "Es werden alle Mitarbeiter und Zahnärzte geimpft. Wer die Impfung nicht möchte, wird ohne Gehalt von der Arbeit freigestellt." Er hatte zwar eingeräumt, dass der Wortlaut in der Mitteilung nicht glücklich war, aber keinen Zweifel daran gelassen, dass er von seinem Vorgehen überzeugt ist. Er sei bereit, auch vor Gericht zu gehen. "Ich ziehe das durch. Ich habe mich wirklich damit auseinandergesetzt. Ich stehe sehr hinter dieser Impfung." Der Kern der Sache sei, dass alle Mitarbeiter einen optimalen Schutz bekämen. "Ich bin davon ausgegangen, dass alle juhu schreien."

Offizielle Zahlen, wie viele Mitarbeiter das Angebot angenommen haben, sind vom Landratsamt nicht zu bekommen. Der Zahnarzt rechnete aber am Freitag damit, dass sich die allermeisten seiner Angestellten impfen lassen wollten, im Impfzentrum wurden am Wochenende jedenfalls alle zur Verfügung stehenden Impfdosen verabreicht.

Nachdem er und seine Mitarbeiter das ganze Wochenende über im Internet beleidigt und bedroht wurden, will sich der betroffene Zahnarzt in der Zeitung jetzt nicht mehr äußern. Auf E-Mails antwortet er nicht, an sein Handy geht erst eine Praxismitarbeiterin, später wird gar nicht mehr abgenommen. Vor der Tür des Zahnarzts wurde offenbar Hundekot und ein Grablicht deponiert, im Internet wenden sich Patienten ab, andere User raten den Mitarbeitern, den Zahnarzt vor dem Arbeitsgericht zu verklagen.

Sein Facebook-Auftritt ist mittlerweile nicht mehr zu erreichen, auf der Praxishomepage laufen Wartungsarbeiten. Außerdem soll dem Zahnarzt vor seinem Haus aufgelauert worden sein. Bei der Pfaffenhofener Polizei sind diesbezüglich aber noch keine Anzeigen eingegangen. Lediglich beim Privathaus des Zahnarztes hat eine Streife mal nach dem Rechten geschaut, aber nicht Verdächtiges bemerkt. Ärger droht dem Zahnarzt auch von anderer Stelle. Der Münchner Aktivist Christian Szabó hat gegen den Zahnarzt und seine Partnerin in der Gemeinschaftspraxis einen Strafantrag wegen Erpressung und Nötigung gestellt. Die zuständige Staatsanwaltschaft konnte bis Redaktionsschluss den Eingang des Schreibens aber noch nicht bestätigen. Ob Ermittlungen aufgenommen werden, entscheidet sich laut Oberstaatsanwältin Andrea Grape in den nächsten Tagen. Außerdem fordert Szabó von der Bundesärztekammer die Aberkennung der Approbation. Zumindest bei dieser Stelle wird der Aktivist damit keinen Erfolg haben. "Wir sind für Zahnärzte nicht zuständig", antwortet Pressesprecher Samir Rabbata auf die entsprechende Anfrage.

Auf ein weiteres Problem im Zusammenhang mit den Coronaimpfungen für die Mitarbeiter der Zahnarztpraxis weist ein Oberarzt des Tübinger Universitätsklinikums hin. "Zahnärzte und deren Personal sind doch gar nicht in der ersten Priorisierungsgruppe. Das hat selbst die Bundeszahnärztekammer so veröffentlicht", teilt der Onkologe mit. "Das heißt, dieser Zahnarzt hat sich und dem Personal unberechtigterweise Zugang zur Impfung verschafft! Sie wären noch gar nicht an der Reihe gewesen."

Dass der Pfaffenhofener Zahnarzt eine Sonderbehandlung erfahren hat, weist Landratsamtssprecher Christian Degen zurück. "Der ärztliche Leiter des Impfzentrums hat Zahnärzte gemäß Paragraf zwei Nummer vier der Impfverordnung eingestuft und ihnen somit den Zugang zu den Impfungen ermöglicht. Nicht nur der besagten Zahnarztpraxis, sondern sämtlichen. Diese wurden beziehungsweise werden entsprechend informiert. Insofern kein unberechtigter Zugang und auch keine Bevorzugung gegenüber Kolleginnen und Kollegen."

Bis zum Wochenende seien bereits alle Bewohner und Mitarbeiter der Pflegeheime und ambulanten Pflegedienste, soweit diese eine Impfung wollten, geimpft gewesen. "Auch Bürgerinnen und Bürger über 90 Jahre waren zu diesem Zeitpunkt schon für entsprechende Termine vorgemerkt", teilt Degen mit. Alle im Landkreis zur Verfügung stehenden Impfdosen seien auch verabreicht worden. Degen: "Wir haben noch nie Impfstoff verworfen."

PK

 

Severin Straßer