Augsburg

Shakespeare wild und nackt

Regisseur Christoph Mehler zeigt im Theater Augsburg einen radikal entschlackten "Sommernachtstraum"

14.02.2016 | Stand 02.12.2020, 20:12 Uhr

Wie zu Shakespeares Zeiten: Männer spielen die Frauenrollen im Stück. - Foto: Theater Augsburg

Augsburg (DK) Wer Märchenwaldzauber, poetischen Feentanz und elegante Mendelssohn-Schwelgerei erwartet, ist hier falsch. Kein gewitzt-koboldhafter Puck, ein eher strenger Impressario des Geschehens, die Feen sind Kerle in Unterhosen, der Mond ein gelber Luftballon oder ein grellblendender Scheinwerfer, und Wald, Wald ist gar keiner da, zumindest nicht auf der Bühne.

Christoph Mehler bricht in seiner "Sommernachtstraum"-Inszenierung mit Konventionen und Erwartungshaltungen. Auf gerade einmal 90 Minuten ist die Komödie zusammengeschrumpft, radikal entschlackt von allem romantisierenden Zierrat, konzentriert auf ihren dunklen, gerne übersehenen Kern. Auf dem nüchternen, schräg nach hinten ansteigenden Trichter (Bühne und Kostüme Jennifer Hörr) wird viel und laut gebrüllt, gestampft, gerungen und gewälzt, da wird heftig kopuliert und mit Riesenphalli Sexakrobatik betrieben.

Die Frauenfiguren, alle grandios von Männern gespielt, sehen ziemlich verhaut und prollig aus, Hippolyta ist zwei Köpfe größer als Theseus, der hüpfen muss, um sie zu küssen, die Handwerkertruppe von Peter Squenz aggressiv wie ein Haufen Neonazis. Am Ende zeigen sie die Aufführung von "Pyramus und Thisbe" zum Niederknien. Und - huch! - manchmal sind die Schauspieler auch nackt (das Theater Augsburg gibt die Altersempfehlung ab 15 Jahren).

Ist das nun Regietheater, das seinen Sinn und Zweck nur in sich selbst hat? Sicher, Christoph Mehler gefällt sich als Bildungsbürgerschreck, manche Besucher spielen gerne mit und verlassen die Vorstellung. Aber darum geht es eigentlich nicht. Die Inszenierung zeigt nichts, was in Shakespeares Stück nicht angelegt wäre. Nur stellt Mehler radikal in den Mittelpunkt, was gerne märchenhaft verharmlost wird: das Albtraumhafte, Groteske des Waldes als Gegenstück zur Ordnung der höfischen Welt, die archaische Urgewalt der Triebe und Gefühle.

Der Liebestrank, den Oberon und Puck verteilen, ruft hier nicht nur heitere Liebesverwirrung hervor, sondern pure Gewalt. Statt Verwechslungskomödie gibt es Tarantino-Ästhetik mit Blut, Schweiß, Tränen und Spucke. Aber diese Entkitschung hat ungeheure Kraft und Energie, sie hat Witz und Verve, der Sommernachtstraum wird zur schwarzen Komödie, in der es viel zu lachen gibt. Getragen wird sie von einem formidablen Ensemble: Klaus Müller, Gregor Trakis, Anton Koelbl, Sebastian Baumgart, Tjark Bernau, Alexander Darkow und David Dumas, alle in Mehrfachrollen, sind in selten gesehener Spiellaune, kaum möglich einen von ihnen herauszuheben.

Alle Figuren von Männern spielen zu lassen und ihnen das Identitätsspiel zwischen verschiedenen Rollen zu übertragen, ist kein moderner Einfall, sondern entspricht den Konventionen des Elisabethanischen Theaters. Generell ist Mehler wohl näher an Shakespeare und seiner Zeit als die meisten brav-konventionellen Inszenierungen (die dann auch immer wieder ironisch zitiert werden).

Was zur Eingangsfrage führt. Ist das nun Regietheater als Selbstzweck? Nein, ganz und gar nicht, das ist eher werktreu, zumindest wenn man den Geist eines Werks als Maßstab nimmt. Zudem gibt es für den "dunklen" Augsburger Inszenierungsansatz zumindest im 20. Jahrhundert eine Tradition. Ist das fordernd, anstrengend, exaltiert? Ja, aber auch unterhaltend; und betulich ist sowieso schon viel zu viel. Ist das obszön? Nein, wie könnte etwas in einer Welt obszön sein, in der es das Dschungelcamp gibt?

Die Frage muss vielmehr lauten: Ist das gutes Theater? Ja, sehr gut.