Aichach

Sensationelle Funde bei Aichach

18.12.2009 | Stand 03.12.2020, 4:24 Uhr

Um Eisenerz zu verhütten haben Archäologen bei Aichach einen Brennofen aus dem neunten und zehnten Jahrhundert rekonstruiert. In dem Gebiet wurde eine frühmittelalterliche Handwerkersiedlung ausgegraben. - Foto: Golling

Aichach (DK) Im Grubet, einem Wald bei Aichach, haben Archäologen eine in Deutschland einzigartige, frühmittelalterliche Waffen- und Werkzeugschmiede ausgegraben. "Das hier war ein frühmittelalterliches High-Tech-Gewerbegebiet", erklärt Bernd Päffgen von der LMU München.

Bis zu 20 Wohnhäuser für auf Erzgewinnung spezialisierte Handwerker vermutet der Professor für Vor- und Frühgeschichte. Seit dem Sommer graben die Archäologen in dem Wald – jetzt wird es ihnen aber zu kalt. Allerdings wird die Arbeit nur vorübergehend eingestellt, schließlich will man das "mittelalterliche Ruhrgebiet Bayerns", das als das größte Erzabbaugebiet Bayerns im Mittelalter gilt, weiter untersuchen.
 
Zufallsfund

Das Grubenhaus, das die Wissenschaftler im Sommer mehr durch Zufall entdeckt haben, ist mittlerweile wieder verfüllt. Darunter fanden die Archäologen einen Probeschacht: Denn auch im neunten und zehnten Jahrhundert legte man offenbar Wert auf Effizienz. Bevor der Erzabbau begann, fühlten die Spezialisten vor, ob es sich überhaupt lohnt. An dieser Stelle schien es wohl nicht lukrativ genug – da setzten die Arbeiter lieber eine Siedlung drauf.

Das gewonnene Erz wurde in Rennöfen verhüttet. Wie das funktioniert, zeigt Martin Straßburger: Sein rekonstruierter Ofen besteht aus 300 Litern Lehm, und wird mit etwa 40 Kilo Holzkohle und zehn Kilo Erz gefüllt. "Heraus kommen dann 500 bis 1000 Gramm Eisen – macht ungefähr vier Pfeilspitzen", erklärt Straßburger, der als "Schmelzmeister" den richtigen Zeitpunkt zum Aufbrechen des Ofens finden muss. "Auf die Eisenklumpen, die im Ofen übrig bleiben, musste man so lange draufhauen, bis das Eisen verdichtet war." Danach wurde das verdichtete Eisen wieder auf rund 1000 Grad erhitzt und zu Pfeilspitzen, Äxten, Scheren oder Armbrustbolzen verarbeitet. Um den Rennofen betreiben zu können, war Holzkohle nötig. Die wurde vermutlich ebenfalls an Ort und Stelle aufwändig von Köhlern hergestellt. Dazu wurden Holzmeiler aufgestellt und komplett mit Erde abgeschlossen – eine gute Woche schwelte alles vor sich hin. "Das musste beobachtet werden, wenn es zu brennen begann, war alles umsonst", erzählte Straßburger.

Langwierige Forschung

Das Besondere an den Entdeckungen im Grubet ist die Häufung der Funde: "Dass wir an einem Ort gleichzeitig Holzkohle, Keramik, Rennfeueröfen, ein Grubenhaus und Pingen haben, ist etwas ganz neues. Das ,Gewerbegebiet’ hier ist bisher einzigartig für das frühmittelalterliche Deutschland", freut sich Päffgen und legt nach: "Diese Funde haben einen enormen Wert für die Wirtschaftsgeschichte des frühen Mittelalters".

Bis alle Ergebnisse der Grabung ausgewertet und dokumentiert sind, werden noch ein bis zwei Jahre ins Land gehen, schätzt der Professor. "Die Aufarbeitung ist einfach viel aufwendiger als die Arbeiten vor Ort".