Ingolstadt

Senioren als Hobby-Ornithologen

Wohlbefinden durch Vogelbeobachtung: LBV ermöglicht Bewohnern in Pflegeeinrichtung Naturerlebnis

19.10.2018 | Stand 02.12.2020, 15:25 Uhr
Eine Vogelfutterstelle für das AWO-Seniorenheim in Ingolstadt: Bewohner Johann Hutter (links) hilft Monika Schirutschke vom LBV, die Station aufzubauen. Lisa Stemmer (rechts) hat das Projekt in ihrem Haus mitiniitiert und ist die neue Vogelbeauftragte. −Foto: Belzer

Ingolstadt (DK) Vorzeigeprojekt im AWO-Seniorenzentrum in Ingolstadt: Der Landesbund für Vogelschutz (LBV) hat für die Bewohner eine Vogelfutterstation aufgebaut - die Beobachtung der Tiere soll das Wohlbefinden der Bewohner steigern. Ob das auch tatsächlich klappt, das untersucht die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt in einer Studie.

"Alle Vögel sind schon da, alle Vögel, alle! Welch ein Singen, Musizieren, Pfeifen, Zwitschern, Tirilieren!" Der Liedtext von Hoffmann von Fallersleben aus dem Jahr 1847 ist Namensgeber für das Projekt, das der LBV Ende vergangenen Jahres für ganz Bayern auf den Weg gebracht hat. Nun ist auch eine Einrichtung in der Region dabei.

Grundgedanke des Projekts ist, dass das persönliche Wohlbefinden Voraussetzung für eine gute Lebensqualität ist - auch im hohen Alter. "Wir wollen die Senioren für die Vögel begeistern", erklärt Monika Schirutschke vom LBV. "Es bereitet einfach Freude, die Natur zu beobachten." Gemeinsam mit den Bewohnern ist nun ein modernes Vogelhäuschen im Garten der Einrichtung aufgestellt worden - die Senioren können die Tiere nun im Freien oder vom Fenster aus beobachten. Die neue Vogelbeauftragte im AWO-Heim, Lisa Stemmer, will noch ein paar Ferngläser organisieren. Bei der Auftaktveranstaltung erklärte Schirutschke zunächst die verschiedenen Vögel. Wo bei Hoffmann von Fallersleben noch vom Frühling die Rede war, sind zu dieser Jahreszeit aber eher die Vögel interessant, die in heimischen Gefilden überwintern. Um die Tiere bestimmen zu können, stellt der LBV Anschauungsmaterialien zur Verfügung: Neben einem Poster und einem Buch sind das auch niedliche Plüschvögel, die den Gesang der Tiere imitieren.

Ob die 48 Bewohner der Pflegeeinrichtung im Katharinengarten die überhaupt brauchen, wird sich zeigen. Bei Schirutschkes Vortrag erkannten sie die meisten Vögel problemlos. Und nicht nur das: Helmut Sturm beispielsweise wusste sofort, dass der schwarze Vogel mit dem gelben Schnabel ein Amsel-Männchen ist. Warum? "Weil der Mann immer schöner ist", witzelt er. Er sei ganz in der Nähe vom Wald aufgewachsen. "Ich kenn' alle Vögel. Und ich beobachte sie auch gerne."

Lisa Stemmer, neue Vogelbeauftragte und stellvertretende Einrichtungsleiterin, ist immer auf der Suche nach sinnvollen Beschäftigungen für ihre Bewohner. "Ich habe gleich gemerkt, dass das ein tolles Projekt ist", sagt sie. "Sogar einige Demenzkranke haben sich an die Namen der Vögel erinnert. Das ist tief drin, viele sind auf einem Hof aufgewachsen und haben einen Bezug zum Thema Vogelbeobachtung." Es gehe in einem Pflegeheim nicht um Zwangsbespaßung, sondern darum, den Senioren ein sinnvolles Angebot zu unterbreiten.
 

WISSENSCHAFTLICHE BEGLEITUNG

Frau Heinemann, um was geht bei Ihrem Projekt konkret?
Patricia Heinemann: Wir untersuchen, inwieweit die gezielte Bereitstellung von Vogelbeobachtungsstellen sich auf die Bewohner hinsichtlich ihres Wohlbefindens, ihrer Mobilität, ihrer kognitiven Ressourcen und ihrer psychosozialen Gesundheit auswirkt.

Wieso speziell bei Senioren?
Heinemann: Einerseits hört Entwicklung im Alter nicht auf, auch da sind noch Lernprozesse möglich. Andererseits verdient es auch diese Personengruppe in den Mittelpunkt von Forschung gestellt zu werden, – mit ihren Defiziten und Einschränkungen, aber auch mit den Chancen, die sie haben, um an Lebensqualität zu gewinnen. Gleichzeitig haben viele Menschen Angst davor, eines Tages selbst in einer Pflegeeinrichtung zu leben. Deshalb ist auch das Interesse an diesem Projekt auch so groß.

Wie gehen Sie methodisch vor?
Heinemann: Wir haben Fragebögen konzipiert, die wir verteilen. Die gibt es in zwei Versionen. Einmal für die etwas fitteren Bewohner, die die Fragen selbst beantworten können, und dann in einer Fremdeinschätzung, bei der Mitarbeiter, Verwandte, Ehrenamtliche für Bewohner den Bogen ausfallen können. Wir fragen zum Beispiel ab, ob sich jemand wegen der Vögel nach draußen bewegt oder ob er Vogelarten erkennt und über sie nachdenkt, wenn er sie beobachtet, oder wie er sich dabei fühlt.

Mit welcher Hypothese gehen Sie an das Projekt?
Heinemann: Es gibt die „Biophilia-Hypothese“, derzufolge die Nähe des Menschen zur Natur genetisch verankert ist. Das heißt, dass der Mensch die Natur braucht, um Wohlbefinden zu fühlen, um zu entspannen, um Ressourcen aufzutanken. In Pflegeeinrichtungen ist der direkte Zugang zur Natur häufig nur eingeschränkt möglich.

Was ist das Spannende an diesem Projekt?
Heinemann: In der Psychologie gibt es viele Befragungen mit Kindern, Jugendlichen oder der „Normalbevölkerung“, aber Bewohner von Pflegeeinrichtungen werden kaum befragt, das stellt uns sowohl vor inhaltliche, als auch methodische Fragen.

Was passiert mit den Erkenntnissen?
Heinemann: Das Ziel der Forschung ist unter anderem, den Transfer in die Praxis herzustellen. Vielleicht kann dieses Projekt als Anstoß dienen für weitere Projekte, bei denen das Wohlbefinden von Bewohnern von Pflegeeinrichtungen gesteigert wird. Die Fragen stellte Verena Belzer.

ZUR PERSON
Patricia Heinemann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der KU und arbeitet mit ihrer Kollegin Veronika Zwerger an dem Projekt „Alle Vögel sind schon da“. Federführend ist die Lehrstuhlinhaberin für Sozial- und Organisationspsychologie, Elisabeth Kals.

Verena Belzer