Oberstimm

Schicht im Schacht?

Kritik an Abholzung im Naturschutzgebiet bei Oberstimm: Landratsamt verteidigt Baumfällungen

14.02.2020 | Stand 02.12.2020, 11:58 Uhr
Überall gefällte Bäume im Naturschutzgebiet Oberstimmer Schacht: Hubert Henfling und Baumschützerin Annette Hartmann geht der Eingriff viel zu weit. −Foto: Schmidtner

Oberstimm - In einem Punkt zumindest besteht Einigkeit: Im Oberstimmer Schacht muss ein Teil des Waldes entfernt werden, um den wertvollen Rest des Naturschutzgebiets zu erhalten.

Umstritten ist nur, wie viel. Nicht wenige Naturliebhaber sind erschrocken über das Ausmaß der Abholzung, manche sprechen gar von einem beginnenden Kahlschlag, der sich auch auf der Ostseite des Bahndamms, beim Oberstimmer Weiher, noch fortsetzen soll. Selbst die angestrebte Renaturierung des Gebiets zum Moor wird grundsätzlich in Frage gestellt.

Vor allem im südlichen Abschnitt des Naturschutzgebiets bietet sich dem Betrachter wahrlich kein schönes Bild: tiefe Spuren des Harvesters, hunderte gefällte Stämme, baumlose Flächen und blanker Boden mit Stümpfen. So stellt man sich ein Naturschutzgebiet nun wirklich nicht vor, was auch das Landratsamt Pfaffenhofen einräumt. Zugleich verteidigt es die Fällungen. "In dem Managementplan wurden die Waldflächen naturschutzfachlich sehr geringwertig (Pionierwald) eingestuft. Als übergeordnete Maßnahme wurde die Herstellung eines offenen Korridors zwischen den sehr wertvollen, aber nur mosaikartig vorhandenen offenen FFH-Lebensräumen angegeben. Außerdem soll der Trockenbiotopverbund entlang der Bahngleise wiederhergestellt werden", so das Landratsamt auf Anfrage unserer Zeitung.

Es war Altlandrat Rudi Engelhard, bekanntlich selber Förster, der sich massiv für den Grunderwerb eingesetzt und die erste große Pflegemaßnahme organisiert hat - in Abstimmung mit der Unteren Naturschutzbehörde. "Die Erstpflegemaßnahme beinhaltet das Herstellen der Verkehrssicherheit entlang der Bahngleise innerhalb der Baumwurflänge sowie die Freistellung der Stromleitungstrasse", so das Landratsamt weiter, was nur mit einem Harvester möglich sei. Nach dieser "groben Erstpflegemaßnahme" seien weitere Gehölzentnahmen und Pflegemaßnahmen geplant. "Dabei werden auch die verbliebenen Baumreihen überprüft und gegebenenfalls zugunsten der Offenland-Biotopvernetzung und der anschließenden Pflegbarkeit noch weiter reduziert", heißt es weiter.

Anschließend ist der Einsatz eines Forstmulchers auf den freigestellten Tassen geplant, die auch künftig von Gehölzen freibleiben sollen. Außerdem sei im nächsten Winterhalbjahr die Fortsetzung der Erstpflege auf der Ostseite der Bahnlinie geplant. "Hier werden die Maßnahmen allerdings nicht so gravierend ausfallen, wie auf der Westseite, weil hier schon vor einigen Jahren die Bahn selber Pflegemaßnahmen durchgeführt hat", so das Landratsamt.

Annette Hartmann, Baumaktivistin und angehende Baumkontrolleurin aus Geisenfeld, geht die Aktion viel zu weit. Darüber hinaus bezweifelt sie grundsätzlich den Sinn der Maßnahmen: "Voraussetzung für Niedermoor ist hochstehendes Grundwasser. Aber der Wasserspiegel sackt seit Jahren ab. " Bis zu einem halben Meter soll der Oberstimmer Weiher schon tiefer liegen, und der Grundwasserstand sei vor den Fällungen nicht untersucht worden. Das Fazit der SPD-Kandidatin für den Kreistag: "In Zeiten der Klimaerwärmung lässt sich kein Moor wieder herstellen. "

Das bestätigt auch Hubert Henfling aus dem Karlskroner Ortsteil Brautlach, der auf der anderen Seite der B13 wohnt und oft im Oberstimmer Schacht ist. "Früher hatten wir immer wieder Grundwasser im Keller", erzählt er. Die letzten Jahre allerdings nicht mehr, was für ihn ein klares Signal sei, dass der Grundwasserspiegel gesunken ist. Deswegen wurden auch die Orchideen, die an diese Bedingungen angepasst sind, seit Jahren schon nicht mehr gesehen, erzählen Naturliebhaber.

Auch Ort und Umfang des Kahlschlags stellt Annette Hartmann in Frage. Man sei weit über die erforderlichen Sicherheitsabstände vom Bahndamm hinausgegangen, habe pauschal gerodet statt einzeln zu prüfen, wie vorgeschrieben. Nach ihrer Zählung sind bislang 529 Bäume gefällt worden, darunter ganze 38 Eichen, eine davon 260 Jahre alt. Von einem geringwertigen Pionierwald möchte Annette Hartmann da nicht sprechen, vielmehr handelte es sich ihrer Auffassung nach um einen Jahrzehnte alten, weitgehend "erwachsenen Wald", was einen immensen Verlust darstelle. Mit der Fällaktion (vor allem der Eichen) sei zugleich ein wichtiger Windschutz und ein Lärmschutz für Brautlach beseitigt worden.

Auch die Mächtigkeit der Bäume führt sie als Argument an: In einem echten Moor wären diese nie so groß geworden. "Es wurden mitten im Naturschutzgebiet 529 gesunde erwachsene Bäume gefällt, um noch mehr nackte Freifläche entstehen zu lassen", sagt Hartmann - und das in einem Landkreis, der unterdurchschnittlich bewaldet ist: "Die Bäume sind weg, es entsteht aber auch kein neues Moor", so ihre Prognose. Und das, obwohl ein auswärtiger Förster 2017 empfohlen hatte, den Großteil der Bäume stehen zu lassen. Die Aktivistin hat eine Unterschriftenaktion gestartet: http://chng. it/hqHVTrHb2n.

DK

Bernhard Pehl