Nürnberg

Scheibchenweiser Abschied

Umjubeltes Beerdigungs-Spektakel der EAV in Nürnberg - Noch zweimal sagen sie in Franken Servus

11.03.2019 | Stand 02.12.2020, 14:28 Uhr
Matthias Hertlein
Klaus Eberhartinger grüßt aus dem Sarg, die EAV-Beerdigung kann beginnen. −Foto: Hertlein

Nürnberg (HK) 1000 Jahre EAV - Abschiedstournee - nach 40 Jahren tritt die österreichische Combo, die Erste Allgemeine Verunsicherung (EAV), um Texter und Ideengeber Thomas Spitzer sowie Sänger und Conférencier Klaus Eberhartinger scheibchenweise von der Showbühne ab. Denn dem jüngsten Auftritt in Nürnberg wird noch einer folgen.

Das für den 3. März geplante Gastspiel in der Meistersingerhalle in Nürnberg musste nämlich kurzfristig abgesagt werden, da Eberhartinger Bronchitis hatte. Es wird am 27. Mai nachgeholt, der als Zusatzkonzert geplante Auftritt am fand allerdings regulär statt.

Großes Spektakel ist da angesagt, wenn es 40 Jahre EAV im Zeitraffer gibt: 29 Stücke in 170 Minuten hineingepackt, eine denkwürdige, hochinteressante, emotionale und spektakuläre Zeitreise, die Wehmut hinterlässt. Schmäh, Sozialkritik, Satire und reichlich Spaß, es wird nochmals großes Kino geboten mit Hits, Bestsellern und Ohrwürmern am Fließband.

Pünktlich um 20 Uhr kann die Beerdigung auf Raten beginnen. Musikerkollegen schleppen einen Sarg auf die Bühne, aus dem Eberhartinger entsteigt, die Szene soll das Ende der Band dokumentieren. Vier Jahrzehnte Musik, politisches Rock-Theater, Klamauk, die Erste Allgemeine Verunsicherung hat an Ausstrahlung und Aussagekraft nichts verloren. Die Phonzahlen haben sich allerdings sehr nach oben hin verändert, im Stile eine Metalband donnert die EAV durch ihre Geschichte. Wobei es gar nicht einfach ist, ein Best-of-Programm zu erstellen. Es hat sich in all den Jahren allerhand Material angesammelt.

"Ba-Ba-Banküberfall" eröffnet das Spektakel, Eberhartinger mit Strumpfmaske und langem Mantel. Er avanciert zum steten, rastlosen Verwandlungskünstler, wie eh und je. Ob in Klamotten und in den Farben der US-Flagge samt Zylinder, ob knapp bekleidet bei "Only You" in eine Corsage gezwänkt, Eberhartinger lässt es krachen.

Mastermind Spitzer fungiert dagegen als tragende Säule, bildet das Korsett des EAV-Firlefanzes. Auf Eberhartingers T-Shirt steht "Erlaubt ist Alles" - das Motto des Abends. Ohrwürmer wie "Küss die Hand" wechseln sich mit kritischen, hintersinnigen Geschichten ab. Was erst locker daherkommt, verkehrt sich rasch ins Gegenteil. Eberhartingers Spiel mit dem Publikum ist amüsant und nachdenklich zugleich.

Als er die Fans abfragt, wer den 1986 geboren sei, recken sich zahlreich die Hände in den Himmel, der Sänger erkennt strahlende Gesichter. Der Schmäh und das Lachen bleibt einem aber rasch im Hals stecken, im besagten Jahr war die verheerende Tschernobyl-Atomkatastrophe. US-Präsident Donald Trump kommt auch nicht gut weg, im Senatorium treibt Eberhartinger im Ärztekittel mit Peter Maffay und mit Landsmann Falco seine Späßchen.

Weiter geht es um Protzerei bei "300 PS", um Krisenherde auf dieser Welt bei "God Bless America", um Toleranz und Rechtpopulismus bei "Heimatlied" und "Neandertal". Beim Stück "Sandlerkönig Eberhard" reflektiert Eberhartinger über die Schnelllebikeit des (Band)-Lebens, ebenso bei "Wann ma' geh'n muss" oder "Der Tod".

Da erscheint erst ein Sensenmann, ehe pünktlich nach 140 Minuten der Tod in Form des Sarges zurückkehrt: Der Conférencier verschwindet - um im Zugabenblock als Sänger bei "Märchenprinz" und "Fata Morgana" das Leben und den Spaß wieder aufzutauchen. Eberhartinger ist den ganzen Abend nicht anzumerken, dass er Tage zuvor an Bronchitis litt und deshalb fünf Auftritte gestrichen werden mussten.

Abschied von der Bühne, ausverkauften Tourneen, man kann es nicht glauben, dass die EAV-Kämpfer aufgeben wollen. Mit ihren kritischem Engagemant und ihren pointierten Aussagen werden sie fehlen. Zwischen Zeitgeist und Tradition gibt es noch viel abzuklären. Getreu dem Slogan "Erlaubt ist Alles". Der vielumjubelte Rausschmeißer in der Meistersingerhalle ist dann auch mehr als mehrdeutig: "Morgen fang ich ein neues Leben an, wenn nicht morgen, dann übermorgen oder irgendwann."

Am 27. Mai kommen EAV nochmals nach Nürnberg zurück, da wird Teil zwei der Beerdigungs-Orgie, das ausgefallene Konzert, nachgefeiert. Die fränkische Zugabe Nummer drei gibt es am 25. Juli beim Open-Air auf Schloss Exrichshof in Ebern bei Bamberg.
 

Matthias Hertlein