Ingolstadt

Satiren vor dem Bürgeramt

Der Autor Jens Rohrer verkürzt Rathausbesuchern mit einer unangemeldeten Lesung die Wartezeit

24.01.2014 | Stand 02.12.2020, 23:10 Uhr

Interessanter Lesestoff: Mit seinem unangemeldeten Auftritt im Neuen Rathaus zog der Ingolstädter Autor Jens Rohrer (rechts) auch die kleinsten Besucher des Bürgeramts in Bann. - Foto: Hauser

Ingolstadt (DK) Jens Rohrer ist bereits für seine unangemeldeten Lesungen in öffentlichen Gebäuden bekannt, die ihm den Beinamen „Che Guevara der Ingolstädter Literaturszene“ einbrachten. Im Neuen Rathaus gab der Autor am Donnerstag nun ebenfalls unangekündigt Lesestoff zum Besten.

Viele Ingolstädter nutzten am Donnerstag die langen Öffnungszeiten des Bürgeramtes im Neuen Rathaus. Entsprechend herrschte im Wartebereich vor dem Einwohnermeldeamt nachmittags Trubel: Etliche Menschen saßen auf den Wartebänken, lehnten an den Wänden oder gingen vor der Dienststelle auf und ab, nachdem sie eine Wartenummer gezogen hatten. Einige unter ihnen warteten aber nicht auf den Aufruf ihrer Nummer, sondern fieberten als Freunde und Bekannte des Autors Jens Rohrer unauffällig einem kulturellen Ereignis entgegen, von dem im Vorfeld außer ihnen niemand etwas wusste. Sie unterschieden sich von den anderen Rathausbesuchern dadurch, dass sie immer wieder verstohlen auf ihre Armbanduhren blickten. Punkt 17 Uhr hatte ihr Warten ein Ende: Rohrer betrat die Treppe zum Bürgeramt und begann seine Guerilla-Lesung. „Das ist eine unangemeldete Lesung in öffentlich zugänglichen Räumen“, erklärte er.

Für den 38-jährigen Mediengestalter aus Ingolstadt war es allerdings nicht der erste Auftritt solcher Art: In Ingolstadt hatte er bereits zuvor vor einem Schnapsregal eines Lebensmittelladens unangemeldet aus den Büchern berühmter Alkoholiker gelesen und in einem Fischrestaurant Literatur über Fische und Fischer zum Besten gegeben. „Ich möchte mit den Lesungen guten Lesestoff unter das Volk bringen und es macht Spaß, ihn nach Themen zu ordnen“, erzählte Rohrer. Natürlich befürchte er schon jedes Mal, von den Angestellten vertrieben zu werden – bislang allerdings grundlos.

Im Neuen Rathaus lief es nicht anders: Zwei Mitarbeiter der Pressestelle beobachteten zwar nach wenigen Minuten mit gewissem Argwohn das Geschehen, sie ließen Rohrer aber gewähren. „Wir wussten nichts von der Lesung, aber solange niemand strafrechtlich handelt, niemand beleidigt oder gestört wird, sind wir tolerant“, betonte der städtische Pressesprecher Michael Klarner. Das war auch nicht der Fall, im Gegenteil: „Die Idee ist lustig und verkürzt die Wartezeit“, meinte Daniel Lorenz aus Ingolstadt. Joana Peithmann fand zudem, dass das Rathaus „gut zu der ausgewählten Literatur passe“. Rohrer griff diesmal als Thema die vielen von der Stadt geplanten Bauvorhaben auf. Neben einem Abschnitt aus der Bürokratie-Satire „Blaumilchkanal“ von Ephraim Kishon gab er seine selbst verfasste Satire über Ingolstadt zum Besten, mit der er die Umstehenden in das Jahr 4512 entführte. „So eine Lesung sollte öfters stattfinden“, meinte eine Zuhörerin begeistert. Einige neue Ideen hat Rohrer auch schon. „Die werden aber jetzt noch nicht verraten.“