Ingolstadt

Romeo und Julia in Westafrika

Unser neuer Fortsetzungsroman "Dämmerung der Alten Zeiten" von Nazi Boni erzählt von Burkina Fasos vorkolonialer Zeit

11.03.2015 | Stand 02.12.2020, 21:33 Uhr

Ingolstadt (DK) Als der grundlegende Roman in der Geschichte Burkina Fasos gilt Nazi Bonis (1909–1969) „Dämmerung der Alten Zeiten“ (1962, deutsche Übersetzung 2014), den wir ab morgen als Fortsetzungsroman in unserer Zeitung abdrucken. Nazi Boni fasst darin die Gründermythen, die hergebrachten Erzählungen der Alten am Lagerfeuer Westafrikas vor der Kolonialzeit, der Ankunft der Europäer zusammen.

Boni beschreibt die alte „oral tradition“ Westafrikas, weshalb der Text als Ausgangspunkt der modernen burkinischen Literatur gilt und auf den Lehrplänen der Schulen im gesamten frankofonen Westafrika steht.

Nazi Boni arbeitete während der französischen Kolonialzeit in Westafrika (etwa 1896 bis zur Unabhängigkeit Burkina Fasos 1960) zunächst als Lehrer, wurde 1948 für Obervolta ins französische Parlament in Paris gewählt und 1957 Vorsitzender des neu gewählten Parlaments von Obervolta, dem späteren Burkina Faso. Die von ihm beschriebenen Traditionen lassen sich heute noch als kulturelles Fundament in den Denkweisen der Politik erkennen.

Da ist der Respekt für die Altvorderen – als Anleiter, Führer durch die Welt. Im Roman sind es die Ratsversammlungen der Alten, die zeremoniellen Auftritte des „Ahnherrn Gnassan“, begleitet von seinem „Dolchträger“ und dem „ihm unzertrennlich folgenden Magier“. Gnassan ist ein wegen seiner Weisheit und seines Gerechtigkeitssinns verehrter, lebenserfahrener Weiser.

Da sind Bewunderung und Unterstützung für den „Anführer“, den tugendhaften Ersten unter Gleichen, die Züge der Heldenverehrung tragen; Boni schildert das an seinem Helden Terhe. Dieser ist stark, ein Löwentöter, ein Siegfried ohne Nibelungenlied, ein Held reinsten Wassers, quasi unverwundbar und doch verletzlich durch Verrat aus der eigenen Sippe – einerseits ein traditionelles literarisches Menschheitsthema, das hier überlagert wird von einer typisch afrikanischen Gestaltung. Nazi Boni schildert die Machtablösung der Generationen eindrucksvoll anhand der Initiation, der Rituale, der Elitenbildung. Und heute?

In Burkina Faso waren es vor allem jugendliche Unzufriedene, mehr als hunderttausend Demonstranten, die den Präsidenten im vergangenen Jahr zum Rücktritt zwangen. 27 Jahre lang war Blaise Compaoré Staatschef gewesen und hatte daran gedacht, die Verfassung ändern zu lassen, um ein weiteres Mal wählbar zu sein. Die Herrschaft der alten Führer, auch schon mal durch Änderung von Gesetzen, ist in Afrika nicht ungewöhnlich: Robert Mugabe aus Simbabwe (91), der Methusalem unter Afrikas Langzeitherrschern, regiert seit 1980 und ist das älteste Staatsoberhaupt der Welt. Kameruns Präsident Paul Biya ist 82 und seit 34 Jahren an der Macht. José dos Santos, Angola, ist seit 1979 Präsident. Teodoro Nguema in Äquatorialguinea ist seit 36 Jahren im Amt und 73 Jahre alt.

Jede Generation sucht nach dem Mann, der „ihr Gesicht“ ist, der sie anführt – den Clanchef. Robert Mugabe beispielsweise war Kämpfer für die Unabhängigkeit und wird als solcher bis heute verehrt. José dos Santos kämpfte mit der MPLA – Volksbewegung zur Befreiung Angolas – gegen Portugal und nach der Unabhängigkeit 1975 gegen die (konkurrierende) Unita.

Nach dem Sturz Blaise Compaorés 2014 in Burkina Faso wurde rasch von einem „afrikanischen Frühling“ gesprochen. Es ist noch ungewiss, wer dem zurückgetretenen Präsidenten nachfolgt – und die knapp 50 afrikanischen Staaten südlich des Sahel sind allzu verschieden, als dass zu erwarten wäre, dass sie von einer einheitlichen (kontinental-kulturellen) Bewegtheit erfasst werden könnten.

Nazi Boni, der nicht nur Schriftsteller, sondern auch Politiker war, hat in seinem Roman Grundfragen des politischen Lebens und Werte des Zusammenlebens anschaulich mit einer Liebesgeschichte verbunden: Der Held Terhe, der sich und seine Altersgenossen an die politische Macht bringt, darf seine über alles geliebte Hakani nicht heiraten – selbst ihm gestatten die Hüter der Tradition nicht, althergebrachte Tabuschranken zu durchbrechen – Romeo und Julia à l’Africaine. Hinzu kommen Eifersuchtselemente in shakespearscher Manier: Zwist und Niedertracht im Hause (hier im Kral), das Sinnen auf Mord. Die aller großer Literatur zugrunde liegenden Motive menschlichen Agierens finden in Nazi Bonis Roman ihre afrikanische Schilderung.