Ingolstadt

Revoluzzer aus der zweiten Reihe

Ex-Genosse Francesco Garita sucht mit der Protestbewegung "5 Sterne" nach einem neuen Politikstil

19.07.2013 | Stand 02.12.2020, 23:53 Uhr

Kritischer Blick auf die etablierten Parteien: Francesco Garita hat nach 15 Jahren bei der SPD, wo er zuletzt sogar stellvertretender Kreisvorsitzender war, eine neue politische Heimat bei der Bewegung »5 Sterne« gefunden. Die klare Überordnung von Sachpolitik über persönliche Interessen von Mandatsträgern ist seine Zielvorstellung - Foto: Rössle

Ingolstadt (DK) Bis Mai hat er noch im Ingolstädter SPD-Vorstand an den Vorbereitungen für die Kommunalwahl mitgewirkt – dann ist Francesco Garita über Nacht aus der Partei ausgetreten und hat sich der Bewegung „5 Sterne“ angeschlossen, als deren Sprecher er nun fungiert: Ein Mann auf der Suche nach einem neuen Politikstil.

Er sieht sich als Akteur der zweiten Reihe, als einer, der etwas bewirken will, ohne selber höhere Weihen anzustreben. Geht das in einer auf Köpfe und Mandate zugeschnittenen politischen Landschaft? Der 45-jährige Garita, Sohn italienischer Gastarbeiter, Lehramtsabsolvent und Unternehmer in der Bildungsbranche, sieht nach 15 Jahren in der Sozialdemokratie bei der noch ganz frischen Protestbewegung „5 Sterne“, die nach dem erfolgreichen italienischen Vorbild agiert, endlich neue Perspektiven: Freie Entfaltungsmöglichkeit für Querdenker, die mit der hergebrachten Parteienlandschaft nicht mehr viel anfangen können, die sich in sozialen Netzwerken zusammenfinden – und die offenbar im wachsenden Lager der Wut- und Mutbürger das politische Potenzial der Zukunft sehen.

Allerdings sind Garita und seine Mitstreiter vorläufig noch mit dem Handicap behaftet, vom politischen Establishment eher belächelt zu werden. Sie haben noch niemandem wehgetan. „Komiker“ hatte Pfaffenhofens SPD-Bürgermeister Thomas Herker den Schritt des vormaligen Genossen denn auch kürzlich lakonisch kommentiert.

Seit SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück den italienischen Cinque-Stelle-Gründer Beppe Grillo mit Ex-Premier Silvio Berlusconi in einen Topf warf und beide als „Clowns“ titulierte, wissen alle Sympathisanten der „5 Sterne“, dass sie bei den etablierten Parteien bestenfalls Hohn und Spott ernten können. Doch Francesco Garita glaubt, dass die neue deutsche Bewegung die Stimmungslage in der Bevölkerung womöglich sehr viel realistischer aufnimmt, als es den bisherigen Protagonisten auf der politischen Bühne gelingt.

„Die Leute sind doch nicht politikverdrossen“, analysiert der 5-Sterne-Sprecher, „sie sind politikerverdrossen.“ Der Satiriker Grillo habe das in Italien für seine Bewegung vor einem fraglos anderen kulturellen Hintergrund erfolgreich genutzt. \tDoch in Deutschland, so Garita, gebe es im Prinzip dieselben Unzufriedenheiten mit dem Parteienstaat wie in vielen anderen Teilen Europas. Hoffnungsfroh sehen der Ingolstädter und seine vorwiegend über Facebook und Twitter angekoppelten Mitstreiter ein großes Potenzial für die „5 Sterne“ über Grenzen hinweg. Das Manifest der italienischen Ideengeber sei „zeitgemäß“, sagt Garita, es habe „viele Menschen berührt“.

Größere Aktivitäten auf der Straße sind von der neuen Bewegung fürs Erste aber nicht zu erwarten. Aus den laufenden Wahlkämpfen wolle man sich weitgehend heraushalten, weil man auf die Schnelle und praktisch ohne Budget ohnehin keine Bäume ausreißen könne. Garita: „Wir wollen uns da nicht lächerlich machen.“ Selbst im bayerischen Kommunalwahlkampf, der ja erst im neuen Jahr richtig in Fahrt kommen dürfte, sieht er seine „5 Sterne“ nicht am Zug: „Wir wollen nicht kommunalpolitisch agieren; außerdem habe ich mir für Ingolstadt selber ein Wettbewerbsverbot auferlegt.“

Vorläufig sehen die Netzwerker der Protestbewegung in der Gründung von Bürgerkomitees in größeren Ballungsgebieten ihre vornehmste Aufgabe. Ob es dann nicht irgendwann doch mal auch klare Gliederungen mit Vorständen und alledem braucht, was auch die kritisierte Parteienlandschaft so auszeichnet? Garita bleibt da lieber im Ungefähren: „Es heißt doch, dass jedem Anfang ein Zauber innewohnt; den möchte ich so lange wie möglich bewahren.“