Adelschlag

Rehkitzrettung aus der Luft

Bayerischer Jagdverband stellt Drohnensystem in Adelschlag vor

26.04.2018 | Stand 02.12.2020, 16:30 Uhr
Per Funksteuerung sucht die mit Wärmebildkamera versehene Drohne die Wiesen und Felder vor der Mahd nach Rehkitzen und anderen Tieren ab. −Foto: Horst Richter

Adelschlag (DK) Der Bayerische Jagdverband stellt mit Wärmebildkameras ausgestattete Drohnen vor, die das Auffinden von Jungtieren vor der Mahd erleichtern. Präsident Jürgen Vocke spricht von einem Quantensprung beim Tierschutz.

Mit dem ersten Wiesenschnitt ist das Schicksal vieler Tausend Jungtiere besiegelt. Rehkitze, Hasen, Wiesenbrüter und andere Lebewesen werden von tonnenschweren Mähmaschinen überrollt, verletzt, verstümmelt oder getötet. Doch damit soll nun Schluss sein, geht es nach dem Bayerischen Jagdverband (BJV). Er präsentierte gestern in Adelschlag (Landkreis Eichstätt) ein Kitzrettungssystem, das der BJV in Kooperation mit der am Ort ansässigen Firma geo-konzept entwickelt hat. Die Rettung kommt in Form von Drohnen aus der Luft.

„Endlich gibt es ein praxistaugliches System“, sagte Verbandspräsident Jürgen Vocke gestern bei der Vorstellung vor Medienvertretern. Vocke sprach von „einem Quantensprung“ beim Tierschutz. Erstmals sei es möglich, die Absuche von Wiesen und Feldern effektiv und rasch unmittelbar vor der Mahd durchzuführen. „Sonst müssten auf jedem Schlepper drei, vier Leute sitzen und runterspringen, wenn sie etwas entdecken."

Bundesweit fallen laut BJV jedes Jahr schätzungsweise mindestens 500 000 Rehkitze, kleine Hasen, Bodenbrüter und andere Tiere den landwirtschaftlichen Maschinen zum Opfer. Allein 90 000 Kitze würden schon bei der ersten Grünlandmahd grausam verstümmelt oder getötet. Dabei sei jeder Landwirt verpflichtet, das nach bestem Wissen und Gewissen zu verhindern. Wer das nicht tue, begehe eine Straftat, sagte BJV-Präsident Vocke, ein gelernter Jurist und früher als Richter tätig.

Doch wie lässt sich das alljährliche Gemetzel verhindern? Die Absuche zu Fuß, von zahlreichen Landwirten seit jeher praktiziert, hilft zwar, viele Todesfälle zu verhindern, aber eben längst nicht alle. Es liegt in der Natur der kleinen Rehe, dass es immer wieder zu Verstümmelungen kommt. Die Kitze drücken sich in den ersten Lebenswochen dicht ins hohe Gras und verhalten sich dort vollkommen still, selbst wenn sich ihnen jemand nähert. Das soll Fressfeinde fernhalten, jede Bewegung könnte den Rehnachwuchs verraten. Das ist genau das Problem, denn die Vierbeiner verharren auch dann völlig regungslos am Boden, wenn der Bauer nur einen knappen Meter entfernt vorbeiläuft.

Hier kommt die neue Technik ins Spiel. Was der Polizei bei der Suche nach Verbrechern und Vermissten recht ist, soll nun auch den Landwirten helfen. An Fluggeräten angebrachte Wärmebildkameras spüren die im dichten Gras versteckten Jungtiere auf, sie können anschließend an einen sicheren Ort gebracht werden. Mit der Drohne sind die Wiesen schnell abgeflogen, ein Hektar in rund zwei Minuten – und Spaß macht das Ganze obendrein.

Kathrin Umstädter von der Firma geo-konzept war maßgeblich an der Entwicklung der Drohnen beteiligt. Sie beschrieb gestern die Vorteile der Drohnen, von denen es zwei Varianten gibt, eine Basisversion und ein technisch ausgefeilteres Fluggerät. Absuche und Mahd können demnach völlig getrennt voneinander ablaufen, die eigentlichen Mäharbeiten müssen nicht mehr ständig unterbrochen werden. Der Bauer braucht die Wiese außerdem nicht mehr zu Fuß abzulaufen und erhält durch einen genau ausgetüftelten Flugplan eine exakte Überblicksaufnahme von seiner Fläche – Lücken soll es keine mehr geben. Wärmequellen – dazu zählen alle ausreichend großen Lebewesen – sind darauf als Punkte dargestellt. Zehn Hektar Nutzfläche können auf diese Weise in 16 bis 20 Minuten abgesucht werden, der Zeitaufwand ist also gering.

Nach dem Flug erhält der Nutzer über Satellitenortung die genauen Koordinaten aller verdächtigen Stellen und kann sie gezielt in Augenschein nehmen. Es gibt sogar eine Anwendung fürs Smartphone, um dorthin gelotst zu werden. Der Bauer oder sein Helfer muss das Kitz nur noch aufnehmen – am besten mit einem Grasbüschel, um keine menschlichen Gerüche zu übertragen – und kann es in Sicherheit bringen. Seine Grenzen findet das Drohnensystem bei zu geringen Temperaturunterschieden zwischen den Jungtieren und ihrer Umgebung, bei starkem Wind und Regen oder wenn rechtliche Bestimmungen einen Betrieb untersagen, etwa in der Nähe von Strommasten oder in Naturschutzgebieten.

Der Schutz von Rehkitzen war erst am Mittwoch Thema im bayerischen Landtag. Die Freien Wähler hatten einen Dringlichkeitsantrag gestellt, in dem sie eine Förderung von Drohneneinsätzen zur Rettung der Jungtiere auf Wiesen anregten. Die CSU hatte das jedoch abgelehnt und ihren eigenen Antrag eingebracht, wonach die Staatsregierung aufgefordert werden soll, „ein Gesamtkonzept zum Schutz der Rehkitze und von anderem, ähnlich gefährdeten Niederwild im Rahmen vorhandener Stellen und Mittel vorzulegen, um diese Tiere vor Schäden durch landwirtschaftliche Ernte- und Mäharbeiten besser schützen zu können“.

Was auf Papier überaus bürokratisch klingt, dürfte es in der Praxis auch sein und vor allem Zeit in Anspruch nehmen, bis ein konkretes Ergebnis vorliegt. Derweil müssen Abertausende Kitze und Hasen weiter qualvoll sterben. BJV-Präsident Jürgen Vocke, selbst ein CSU-Mann und früherer Landtagsabgeordneter, machte gestern in Adelschlag keinen Hehl daraus, dass ihm die Variante der Freien Wähler lieber gewesen wäre, um den Tierschutz rasch voranzubringen. Er möchte sich dafür einsetzen, das vorgestellte Kitzrettungssystem schnellstmöglich ins Bayerische Kulturlandschaftsprogramm aufnehmen zu lassen, um eine staatliche Förderung für dessen Einsatz zu erhalten. Denn ganz billig ist das neu entwickelte Fluggerät nicht, schon die einfache Ausführung kostet 6600 Euro. Andererseits kann es viel Leid und unnötigen Tod bei Wildtieren vermeiden. Die Drohnen lassen sich zudem unter anderem dafür einsetzen, um Sturm- und Hagelschäden zu bewerten oder durch Wildfraß beeinträchtigte Flächen aus der Luft exakt zu vermessen.

Horst Richter