Geisenfeld

Profilierung in Zeiten von Corona

Beide Geisenfelder Stichwahlkandidaten verzichten komplett auf einen argumentativen Wahlkampf

23.03.2020 | Stand 02.12.2020, 11:41 Uhr
Für ihre Plakatierung teilen sich die beiden Geisenfelder Bürgermeisterkandidaten hier in Zell einträchtig einen Laternenmasten. Der Wahlkampf selbst wird vor der Stichwahl komplett ohne Sachargumente geführt. −Foto: Gerhard Kohlhuber

Geisenfeld - Das Zeitfenster ist kurz, um die noch Unentschlossenen auf seine Seite zu ziehen. Wie geht das am besten in Zeiten, in denen die Corona-Krise das alles beherrschende Thema ist? Indem man sich als fürsorglicher Helfer und als kompetenter Krisenmanager präsentiert. Und genau darauf beschränken sich derzeit die Aktivitäten der beiden Geisenfelder Stichwahlkandidaten. Einen argumentativen Wahlkampf haben sie bereits in der vergangenen Woche eingestellt oder gar nicht erst aufgenommen.

46,8 zu 29,1 Prozent: Der Vorsprung von Paul Weber (USB) gegenüber Andreas Aichele (CSU) war beim ersten Wahlgang am 15. März deutlich. Und doch haben beide in ihren Stellungnahmen darauf hingewiesen, dass "noch gar nichts entschieden ist" (Weber), dass das Ergebnis der Stichwahl "offen" ist (Aichele). Schließlich lässt sich nicht vorhersagen, bei wem die Unterstützer des ausgeschiedenen FW-Kandidaten Alfons Gigl jetzt ihr Kreuzchen machen. Eine Wahlempfehlung der Freien Wähler für einen der beiden Kandidaten gibt es keine - zumindest keine offizielle.

Was also jetzt noch unternehmen? Hausbesuche, von denen Weber vor dem ersten Wahlgang nach eigenen Bekunden rund 1300 und Aichele "ein paar hundert" gemacht hat, sind mit der Verschärfung der Corona-Krise völlig undenkbar geworden. Im USB-Lager hat man in den Tagen nach dem ersten Wahlgang im Stadtgebiet noch ein wenig umplakatiert und einen neuen Weber-Flyer in die Briefkästen geworfen. Bei der CSU hat man ebenfalls einige tausend neue Flyer produziert, um diese dann am Samstagvormittag von Andreas Aichele in die Papiertonne werfen zu lassen. Weil das "momentan niemanden interessiert". Geschehen ist dies vor laufender Videokamera, um die Aktion dann öffentlichkeitswirksam in den sozialen Medien verbreiten zu können.

Dass momentan nur das Virus interessiert, hat der CSU-Kandidat recht schnell realisiert und bereits Mitte der vergangenen Woche eine Initiative "Gemeinsam gegen Corona" initiiert. Neben den Freien Wählern hat sich dieser - natürlich - auch die USB sehr schnell angeschlossen. In enger Abstimmung mit Aichele und dessen Team hat auch Weber mit seinen Helfern am Samstag mitgewirkt, das Einkaufen an den örtlichen Supermärkten möglichst "viren-sicher" zu gestalten. Natürlich gibt es von beiden Kandidaten dazu ein Video in den sozialen Medien.

In eine inhaltliche Auseinandersetzung zu kommunalpolitischen Themen wollten beide Bewerber nicht mehr einsteigen. Andreas Aichele verzichtete zudem auf die Beantwortung der von der GZ schriftlich an beide Kandidaten gestellten Frage, warum er sich als den besseren Bürgermeister sehe. Er konzentriere sich darauf, im Kampf gegen die Corona-Krise einen Beitrag für Geisenfeld zu leisten. "Die Wahl ist dabei für mich in den Hintergrund gerückt", ließ der CSU-Kandidat schriftlich wissen. Ganz bestimmt wird es ihn trotzdem freuen, dass so mancher Ehrenamtliche, der im Rahmen der Corona-Initiative am Wochenende Pizzen ausgefahren hat, einen CSU-Sticker auf der Brust hatte. . .

Und Paul Weber? "Wer der bessere Bürgermeister ist, das entscheiden die Wähler bei der Stichwahl", antwortete dieser auf die Frage unserer Zeitung - verbunden mit dem Hinweis darauf, dass "ich in meinem erlernten Beruf als Rettungsassistent häufig mit Menschen zu tun habe, die sich in außergewöhnlichen Situationen befinden. Hier ruhig und besonnen zu reagieren, ist wie in der jetzigen Krise oberstes Gebot".

Irgendwann wird Corona aber Geschichte sein, und dann stehen wieder die eigentlichen kommunalpolitischen Themen im Vordergrund. Jene Themen, bei denen es dann schon darauf ankommt, wie der Bürgermeister dazu steht. In vielen Punkten gibt es in den Wahlprogrammen der beiden Stichwahlkandidaten, wie sie es im Wahlkampf vorgestellt haben, Übereinstimmungen.

Beide wollen sie durchsetzen, dass das Geisenfelder Stadtzentrum zumindest temporär für den Schwerlastverkehr gesperrt wird, und beide befürworten sie für die Stadtplatz-Kreuzung eine "intelligente" Ampellösung. Beide versprechen sie eine bessere Verkehrsanbindung an die Bahnhöfe in Rohrbach und Ernsgaden, einen Ausbau der Bürgerbeteiligung und einen besseren Bürgerservice. Und beide sind sie gegen eine Tiefgarage auf dem Klosterstadel-Gelände.

Es gab aber auch Unterschiede: In Sachen Klosterstadel hat sich Weber auf eine Sanierung auf Basis der zugesagten hohen staatlichen Förderung ausgesprochen, Aichele wollte sich hier nicht festlegen. Und die Umgehungsstraße Nord-West? Diese wird von beiden befürwortet, wobei Aichele sie "in den nächsten Jahren für vollkommen unrealistisch" hält und er den Fokus deshalb mehr auf "schnell realisierbare Alternativen" zur Verkehrsentlastung setzt. Weber hat in seinen Versammlungen hingegen darauf hingewiesen, dass er das Straßenprojekt "mit Nachdruck vorantreiben" will, flankierende Maßnahmen für ihn aber eine gleich hohe Priorität haben. Ein paar inhaltliche Orientierungshilfen haben die Geisenfelder bei ihrer Stichwahlentscheidung also dann doch. Jenseits von Corona. 

Behauptungen und Tatsachen

Jetzt geht es in Sachen Stichwahl ans Eingemachte – da ist  so manchem offenbar  jedes Mittel recht, einem für ihn unliebsamen Kandidaten zu schaden. Bestes Beispiel: eine in den sozialen Medien aufgetauchte Darstellung über eine angebliche „Zweckentfremdung von Einsatzmitteln für eigene egoistische Ziele“ durch den USB-Bürgermeisterkandidaten Paul Weber, der ja im Beruf Wachleiter des BRK Geisenfeld ist. 
Bezug genommen wird in dem Schreiben auf den Samstagvormittag, als Weber im Rahmen der Aktion „Geisenfeld gegen Corona“ vor dem Rewe-Markt Einmalhandschuhe verteilte. Während dieser „Wahlkampfveranstaltung“ sei plötzlich auf dem Parkplatz ohne Grund und Auftrag ein Notfalleinsatzfahrzeug aufgetaucht.

Und dann habe das Sanitätspersonal auch noch mit Paul Weber  „Gespräche geführt“! Beides sei „höchst kritikwürdig“, heißt es in der auf Facebook geposteten Darstellung. Doch was ist tatsächlich geschehen? Darüber informierte gestern auf Anfrage unserer Zeitung Christian Berberich, Oberarzt der Notaufnahme am Klinikum Ingolstadt. Er habe am Samstag in Geisenfeld Notarztdienst verrichtet und habe zu Beginn seiner Schicht am Rewe-Markt gehalten, um sich eine Brotzeit zu holen – „so wie jedes Mal, wenn ich in Geisenfeld Dienst habe“. Dabei, so Berberich, habe er den in Privatkleidung hier stehenden Paul Weber  entdeckt, den er seit acht Jahren beruflich gut kenne. „Und dann haben wir uns einige Minuten lang zur aktuellen Corona-Situation ausgetauscht.“ Er sei „fassungslos“, so der Oberarzt, was daraus hier konstruiert worden sei.

Gerhard Kohlhuber