Siegenburg

Politposse um Flüchtlingsunterkunft

Landratsamt mietet Wohnung über Erotiklokal an und prüft nach Kritik Auflösung des Mietvertrags

20.01.2016 | Stand 02.12.2020, 20:18 Uhr

Tristes Äußeres, pikantes Inneres: Über dem Nachtcafé an der B301 in Siegenburg wohnen seit wenigen Tagen neun Männer, die aus Syrien nach Deutschland geflohen sind. Nach scharfer Kritik prüft das Landratsamt, ob die Möglichkeit einer außerordentlichen Kündigung des Mietvertrages besteht. - Foto: Limmer

Siegenburg (DK) Der Fall schlägt Wellen: In Siegenburg hat das Landratsamt Kelheim neun männliche Flüchtlinge über einem Erotikklub einquartiert. Für Bürgermeister Johann Bergermeier (UW) untragbar. Die Kreisbehörde prüft nun, ob der Mietvertrag wieder gekündigt werden kann.

Er habe davon gewusst, dass die Wohnung über dem Erotikklub als Unterkunft für Flüchtlinge genutzt werden soll, erzählt Bergermeier. Obwohl er das Landratsamt auf das Nachtcafé im Erdgeschoss hingewiesen habe, hätte die Behörde den Mietvertrag mit der Eigentümerin des Hauses abgeschlossen. Im Nachhinein wollte das Landratsamt jedoch nichts von dem Animierlokal gewusst haben, sagt der verärgerte Siegenburger Rathauschef. Heinz Müller, der Pressesprecher des Landratsamtes, bestätigt, dass die Mitarbeiter der Kreisbehörde die Wohnung im Vorfeld begutachtet hätten. Laut Müller ist dabei aber nicht erkennbar gewesen, welche Nutzung im Erdgeschoss stattfindet. Ob der Siegenburger Bürgermeister das Landratsamt noch vor der Unterzeichnung des Mietvertrages informiert hat, kann Müller aber nicht nachvollziehen. Üblich sei jedoch, dass die Gemeinden erst nach Vertragsunterzeichnung Post vom Landratsamt erhalten. "Hätten wir vorher von dem Erotikbetrieb gewusst, hätten wir davon Abstand genommen, Flüchtlinge in der Wohnung darüber unterzubringen. Im Nachhinein ist das nicht optimal", räumt Müller ein.

Johann Bergermeier wird deutlicher: "Die Situation ist unzumutbar." Er könne nicht verstehen, dass zum Teil traumatisierte Männer im selben Haus mit dem Erotiklokal wohnen müssen. Ein pikantes Detail kommt hinzu: Das Haus hat nur einen Eingang. So müssen die Flüchtlinge kurz vor einem roten Samtvorhang den Weg über das Treppenhaus in ihre Zimmer nehmen. Auch für die Mitglieder des Helferkreises sei das unzumutbar, so Bergermeier. Es seien zumeist Frauen, die den Flüchtlingen Kleidung bringen oder sie für Behördengänge abholen. Auch sie müssten durch diesen Eingang gehen.

Der Fall hat mittlerweile in den Medien die Runde gemacht. Gestern Morgen stand ein Rundfunkteam im Garten des Anwesens und führte Interviews. Bergermeier sieht den aufkommenden Medienrummel gelassen: "Das war zu erwarten und wir als Siegenburger haben auch kein Problem damit." Vielmehr müsste sich das Landratsamt Gedanken machen, weil es nun negativ in die Schlagzeilen gerät.

Behördensprecher Müller bittet unterdessen um Verständnis für die Mitarbeiter des Landratsamtes. Vergangenes Jahr musste der Landkreis über 2000 Flüchtlingen ein Obdach bieten, allein im Dezember waren es 380. Pro Woche kämen 70 neue Asylbewerber hinzu, rechnet Müller vor. "Für das Landratsamt ist das eine schwierige Situation." Momentan habe der Landkreis Kelheim 94 dezentrale Unterkünfte angemietet. Und der Bedarf steige weiter.

Wie es nun in Siegenburg weitergeht, muss die Prüfung des Mietvertrages durch die Juristen des Landratsamtes zeigen. Das kann laut Müller noch einige Zeit dauern. Im Moment müssen die neun Männer im Alter zwischen 35 und 55 Jahren noch über dem Nachtcafé wohnen. "Wichtig ist, dass dort keine Familien untergebracht wurden", sagt Müller. Darauf habe das Landratsamt "zum Glück noch Einfluss gehabt".