Oper aus dem Konzentrationslager

06.06.2008 | Stand 03.12.2020, 5:51 Uhr |

Atlantis ist eine Metapher für Nazi-Deutschland, der Kaiser ein grausamer Herrscher, der seine Untertanen in den Krieg treibt. - Foto: Hösl

Ingolstadt (DK) Ein Höhepunkt der Theatertage, freilich gewissermaßen außer Konkurrenz, steht fest: Viktor Ullmanns Oper "Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung", produziert in Kooperation des Orchesters Jakobsplatz München, der Bayerischen Staatsoper und der Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur und Tradition, aufgeführt nun im Großen Haus des Theaters Ingolstadt..

Die Besonderheit des Gastspiels macht nicht nur die künstlerische Qualität der Aufführung aus, sie begründet sich vor allem im Thema des Stücks, seiner Entstehungsgeschichte und der Notwendigkeit, die Schöpfer des Werks nicht der Vergessenheit anheim fallen zu lassen.

Eine alte Festung in der nördlich von Prag gelegenen Garnisonsstadt Terezín wurde Ende 1942 von der SS zu einem KZ umgebaut. Es diente den Nazi-Verbrechern auch als Vorzeigelager für prominente Gefangene, denen dann freilich in der Regel der Transport in die Gaskammern von Auschwitz nicht erspart blieb. Zunächst aber waren in jenem Theresienstadt kulturelle Aktivitäten aus propagandistischen Gründen erwünscht.

Partitur blieb erhalten

Als Organisator spielte dabei der jüdische Komponist und Musikkritiker Viktor Ullmann (1898–1944), Schüler von Arnold Schönberg und Alexander Zemlinsky, eine wichtige Rolle. Er war aber unter den unsäglichen Bedingungen auch schöpferisch tätig, schrieb u. a. zum Textbuch seines Mithäftlings Petr Kien, eines Zeichners und Grafikers, die Kammeroper "Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung". Das Werk wurde im Herbst 1944 noch einstudiert, zu einer Aufführung im KZ aber kam es nicht mehr, da der Komponist, der Librettist und andere Mitwirkende kurz darauf nach Auschwitz verlegt und dort sogleich ermordet wurden. Die Partitur, notiert auf Rückseiten von Deportationslisten, blieb der Nachwelt erhalten, weil Ullmann sie einem Leidensgenossen übergeben konnte, der überlebt hat.

Es dauerte gut dreißig Jahre, ehe das einstündige "Spiel in einem Akt und vier Bildern" erstmals auf die Bühne kam, 1975 in Amsterdam. Bis dahin auch findet sich der Name des hoch begabten Tonschöpfers in keinem einschlägigen Lexikon verzeichnet. Erst 1985 kam der "Kaiser von Atlantis" zur deutschen Erstaufführung in Stuttgart. Dass Ullmanns Werke sich nun da und dort wenigstens gelegentlich in Radio- und Konzertprogrammen wie auf Opernspielplänen finden, ist ein wichtiges Zeichen gegen das Vergessen, ein kleiner, später Triumph immerhin über die Vernichtungsstrategie der Faschisten.

Atlantis ist eine Metapher für Nazi-Deutschland, der Kaiser ein grausamer Herrscher, der seine Untertanen in den Krieg treibt, bis der Tod ihm die Gefolgschaft verweigert. Ein Wunder, dass unter der Aufsicht der Nazi-Schergen ein solches Werk entstehen konnte mit unverhohlener Anspielung auf den Führer und seinen Missbrauch deutscher Kulturtradition, kompositorisch verarbeitet in der Verfremdung der Deutschland-Hymne und am Ende des Luther-Chorals "Ein feste Burg". Viktor Ullmann kokettiert in seiner Musik für Streichquintett, Bläser, Harmonium und Klavier kunstvoll, gefällig, ironisch, ja auch heiter, mit den Stilmitteln seiner Zeit, – aber umso erschütternder ist immer mitzuhören das Elend, das Grauen, mit dem dieses Werk wie kein anderes des Musiktheaters ursächlich verbunden ist.

Bewegende Aufführung

Markus Koch hat dezent, mit geringem Aufwand inszeniert (Iris Jedamski, Bühne, Claudia Gall, Kostüme), unaufdringlich nur Bezüge andeutend zu damals und heute – sie ergeben sich von selbst. Auch in der Figur des Kindes, das neugierig und ratlos durch die Szene streift. Das Kammerorchester unter Leitung von Daniel Grossmann musizierte mit großer Sorgfalt, sehr prägnant, transparent, virtuos. Und durchwegs vorzüglich, gesanglich wie spielerisch, agierten die als Archetypen gezeichneten sieben Vokalsolisten: Kaiser (Christian Miedl), Lautsprecher (Andres Kohn), Tod (Adrian Sampetrean), Harlekin (Kevin Conners), Soldat (Michael McBride), Mädchen (Elif Aytekin), Trommler (Stephanie Hampl).

Die bewegende Aufführung wurde mit großem Beifall bedacht.