Nürnberg

Nürnberg diskutiert über Drogenopfer

Immer mehr Tote: Diese traurige Nachricht hat die Politik jetzt erneut alarmiert

13.11.2019 | Stand 02.12.2020, 12:37 Uhr
Fixerstuben sind in Städten wie Hamburg (Foto), Frankfurt und Berlin längst Alltag. In Nürnberg wird noch gezögert. −Foto: Gateau/dpa

Nürnberg (HK) Mit "großer Sorge" blickt beispielsweise der städtische Sozialreferent Reiner Prölß (SPD) auf die Entwicklung der Drogentoten in Nürnberg.

In diesem Jahr habe es bereits 23 Todesopfer durch Rauschgiftkonsum in der Frankenmetropole gegeben.

Zehn Drogenabhängige seien sogar im öffentlichen Raum wie in Park- oder Toilettenanlagen verstorben, klagt Prölß und schlägt deshalb die Einrichtung von Räumlichkeiten zum illegalen Drogenkonsum vor. Ein Drogenkonsumraum könnte die "Sicherheit für Abhängige" erhöhen. Prölß hat die Landesregierung deshalb aufgefordert, ihre ablehnende Haltung zu Drogenkonsumräumen aufzugeben. "Sicherlich ist es eine schwierige Abwägung von Rechtsgütern. Aber wenn es durch eine solche Einrichtung gelingen sollte, die Zahl der Drogentoten deutlich zu reduzieren, dann muss das höher gewichtet werden als ordnungspolitische Vorstellungen", ist sich Prölß sicher.

Marcus König, OB-Kandidat für Nürnberg und CSU-Fraktionsvorsitzender im Stadtrat, plädiert für eine "Nürnberger Lösung". Nur mit dem Finger nach München wie Sozialreferent Prölß zu zeigen, reiche König nicht aus. "Wir wollen nicht Frankfurt oder Berlin werden. Wir können die Lage in Nürnberg nur gemeinschaftlich verbessern", ist sich König sicher und verweist darauf, dass die Stadtspitze endlich die Polizei mit ins Boot holen müsse. Diese stemme sich laut König noch immer mit aller Kraft gegen die Einrichtung von Fixerstuben und befürchtet eine "Sogwirkung der Fixerstube" für die gesamte Metropolregion.

Hier sollte die Stadtspitze laut König ansetzen und mehr Überzeugungsarbeit bei den Sicherheitsbehörden leisten. Nur mit Sozialpädagogen könne man harte Drogen nicht bekämpfen, schreibt König dem städtischen SPD-Sozialreferenten ins Stammbuch. Auch bei der Finanzierung dürfe sich Nürnberg laut König nicht nur auf andere verlassen.

Sozialreferent Prölß hat bereits klar gemacht, woher das Geld für eine Nürnberger Fixerstube kommen müsse. Seiner Meinung nach müssen die Finanzmittel aus dem Münchner Landeshaushalt kommen. Falls es Nürnberg wirklich ernst meint mit Heroinstuben, würde es der Frankenmetropole sicherlich gut zu Gesicht stehen, das nötige Geld selber zur Verfügung zu stellen. Laut Stadt würde ein Drogenkonsumraum in Nürnberg jährlich rund 500000 Euro kosten.

In den sogenannten Fixerstuben gibt es beispielsweise steriles Spritzbesteck. Drogen wie Heroin & Co. müssen die Abhängigen selbst mitbringen. Die weltweit ersten Drogenkonsumräume sind in den 80er-Jahren in der Schweiz entstanden. Mitte der 90er ist in Hamburg Deutschlands erstes "Gassenstübli" eröffnet worden. Laut der Deutschen Aidshilfe gibt es mittlerweile 24 Drogenkonsumräume in gesamten Bundesgebiet. Jeweils gleich vier Fixerstuben haben in "Drogen-Hauptstädten" wie Berlin, Frankfurt und Hamburg meistens rund um die Uhr geöffnet. In Nürnberg wird nicht erst seit gestern über die Einrichtung von Drogenkonsumräumen debattiert. Die Stadt nimmt bei der Zahl der Drogentoten schon seit Jahren bezogen auf je 100000 Einwohner bundesweit eine traurige Spitzenposition ein. Laut Bundeskriminalamt ist diese Zahl nicht verwunderlich. Die meisten Drogentoten würden in den bevölkerungsreichsten Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen und Bayern festgestellt. 2018 sei laut BKA die die Zahl der Drogentoten in Bayern um über 23 Prozent deutlich gesunken.

Die Liste der fränkischen Drogenopfer gleicht einer Achterbahnfahrt: 27 Drogentote sind 2014 in Nürnberg registriert worden. Im Folgejahr 2015 ist die Statistik mit 26 Drogentoten kaum weniger traurig ausgefallen. Erst im Jahr 2017 gab es mit 19 Drogentoten sowie mit 15 Drogenopfern im Jahr 2018 einen deutlichen Rückgang in Nürnberg.

Der Suchtbeauftragte der Stadt Nürnberg, Norbert Kays, rechnet in diesem Jahr vor dem Hintergrund der aktuellen Opferzahlen wieder mit einem deutlichen Anstieg. Kays befürchtet, dass Nürnberg am Ende des Jahres womöglich noch mehr als die derzeit 23 Drogentote zu beklagen haben wird. Kays vermutet, dass besondere Umstände in diesem Jahr zu der vergleichsweise hohen Zahl von Drogentoten geführt haben könnte: 8 der aktuell 23 Drogentoten seien erst kurz vor dem "Goldenen Schuss" mit der tödlichen Überdosis aus dem Gefängnis entlassen worden. In dieser Haftphase liege laut Kays die Ursache der zahlreichen Todesfälle. Nach einer zwischenzeitlichen Abstinenz im Gefängnis sei der Körper nicht mehr an die harten Drogen gewöhnt, erklärt Kays. Besonders folgenreich sei der erste Drogenkonsum in der wiedergewonnenen Freiheit, wenn der Reinheitsgrad der Drogen besonders hoch sei. Dann könnten lebenswichtige Organe schnell versagen. Dies sei zuletzt in Nürnberg teilweise der Fall gewesen. Laut Kays gebe die Stadt jährlich knapp eine Million Euro für die Drogenberatung aus.

Nikolas Pelke