Ingolstadt
Neulich auf der Orgie

Bernd Begemann in der Neuen Welt

18.10.2019 | Stand 23.09.2023, 9:04 Uhr
Nahe am Absturz: Bernd Begemann in Ingolstadt. −Foto: Leitner

Ingolstadt (DK) Wer an diesem Abend mit dem Hamburger Sänger und Gitarristen Bernd Begemann akustischen Wohlklang und ins Ohr gehende Melodien erwartet hat und einen Künstler, der sie in der üblichen Art und Weise vorträgt, hat sich getäuscht. Für derart Alltägliches ist Bernd Begemann nicht zu haben. Sein Konzept - wobei manche sagen werden, Begemann habe gar keines - geht anderes.

Die Gitarre ist nicht gestimmt und das iPad für die Zuspielungen ist nicht eingestellt. Das ist quasi die erste Nummer des Abends. Auch im weiteren Verlauf scheint ihm vieles ganz einfach nicht so wichtig. Man verheddert sich im Text, man vertut sich auf dem Griffbrett, man unterbricht einen Song, weil man zwischendurch mal eben etwas ungemein Wichtiges mitzuteilen hat. Man reißt sich Brusthaare aus und wirft sie ins Publikum und riecht an Stellen, an denen man sonst nur riecht, wenn man alleine ist. Und die eben noch angekündigte Pause vergisst man ganz einfach ebenso wie das Zeitlimit, das in der Neuen Welt neuerdings eingehalten werden muss.

Obwohl der Saal nur spärlich besetzt ist, zeigt Begemanns Gebaren Wirkung. Die Leute lachen und sind gut drauf. Begemann gibt kein Konzert im üblichen Sinne. Sein Ding ist eine Art Anarcho-Revue, eine One Man-Show, das, was man auch "Performance" nennt. Was ihm durch die Birne rauscht, muss raus. Begemann ist rotzfrech, anmaßend, aggressiv. Manchmal schreit er völlig unerwartet, manchmal scheint er mehr zu sich selbst zu sprechen als zum Publikum. Begemann ist aber auch tragisch, melancholisch, bemitleidenswert, unverstandenes Genie und Dilettant gleichermaßen. Seine Lieder - "St. Pauli" und "Unten am Hafen" sind sogar kleine Szene-Hits - sind Geschichten aus dem Milieu, vom Kiez, aus den Vorstädten. "Sie fuhr einen lila Twingo", "Die neuen Mädchen sind da", "Neulich auf der Orgie" und "Die Slums von Eppendorf" sind kleine, inhaltlich vielschichtige, Stimmungsbilder, teils wehmütig, teils hintergründig, aber immer ehrlich. Begemann grinst bei deren Vortrag, obwohl man durchaus den Eindruck hat, dass ihm nicht permanent danach ist. Manchmal muss man einfach pfeifen, wenn einem bewusst wird, dass man gerade orientierungslos durch den Wald des Lebens stolpert.

Nein, dieser Bernd Begemann ist nicht leicht zu fassen. Manch einer mag die Neue Welt nach seinem Auftritt, der weit über zwei Stunden geht, ratlos verlassen. "Niemand sonst käme mit diesem Balanceakt durch, ohne auf der Seite, auf der es peinlich wird, vom Schwebebalken zu kippen", war einst über ihn zu lesen. Nein, er krachte auch in Ingolstadt nicht vom Gerät, obwohl er manchmal verdächtig nahe dran war. Am Ende retteten genau diese komischen Ruderbewegungen, die man - ungeachtet der Figur, die man dabei abgibt - unweigerlich macht, um nicht abzustürzen, den Abend.

Karl Leitner