Schweitenkirchen

Neue Kapelle für die alte Heimat

Franz Bayer ist als Kind aus dem Böhmerwald vertrieben worden - Noch heute fühlt er sich verbunden

29.10.2019 | Stand 02.12.2020, 12:44 Uhr
Erinnert sich noch gut an seine alte Heimat: Franz Bayer war fünf Jahre alt als er zusammen mit seiner Mutter, seinen beiden Schwestern und seinen Großeltern aus dem Böhmerwald vertrieben wurde. Sein Vater kam nie aus dem Kriegsdienst zurück. −Foto: Brenner

Jetzelmaierhöfe (PK) Das Brot war noch warm, als sie fort mussten. Franz Bayer kann sich noch genau daran erinnern. "Später im Viehwaggon ist es uns geschimmelt" sagt er. Er weiß auch noch, dass seine Mutter dreimal ums Haus gegangen ist, um sich von ihrer Heimat im Böhmerwald zu verabschieden. Dann fütterte die Familie die Kühe, Schweine und Hühner, machten die Betten und ließen den Hund los. "Er hat uns bis zum Bahnhof verfolgt", so Bayer. Von da ging es nur mit dem Allernötigsten - alles andere mussten sie zurücklassen - mit dem Viehwaggon drei Tage und drei Nächte bis nach Pfaffenhofen. "In einem Viehwaggon waren rund 50 Menschen, wir mussten unsere Notdurft im Zug verrichten."

Bayer war fünf Jahre alt, als er zusammen mit seiner Mutter, seinen beiden Schwestern im Alter von vier und sechs Jahren und seinen Großeltern aus seiner Heimat in Moresdorf vertrieben wurde. Sein Vater war im Krieg, die Familie hoffte lange, dass er zurückkehren würde, doch er blieb vermisst. "Für meine Mutter war das eine schwere Zeit", so Bayer. Zunächst kam die Familie bei einem Wirt in Dietersdorf unter, im Tanzsaal. "Dort haben viele Menschen in Notbetten geschlafen", erinnert sich Bayer. Dann sei irgendwann ein Bauer gekommen und habe sie mit seiner Kutsche nach Holzhausen bei Schweitenkirchen gebracht. "Da sahen wir auch zum ersten Mal Hopfen - wir dachten, es ist Wein", so Bayer. Zehn Jahre verbrachte die Familie bei dem Bauern, half bei der Ernte mit, die Mutter arbeitete ebenso wie die Kinder. "Ich kann jede Feldarbeit", sagt Bayer. "Schule war für mich eigentlich Erholung."

Mit dem Böhmerwald hingegen verbindet Bayer viele unbeschwerte Kindheitserinnerungen. "Hinter dem Haus war ein Bienenhaus und ein Kirschbaum", sagt er. "Wir Kinder haben immer davon genascht." Nicht weit weg vom Haus gab es Schlangen, vor denen sich die Geschwister fürchteten und im Herbst wurden Steinpilze im Wald gesammelt, so der 78-Jährige. "Und am Palmsonntag gab es in unserer Kirche riesige Palmbuschen, die waren zwei Meter hoch."Vielleicht waren es diese Erinnerungen, die Bayer genau wie seine Verwandten dazu bewogen, immer wieder eine Verbindung zu seiner alten Heimat zu suchen. Auch als er heiratete und in Jetzelmaierhöfe baute, blieb der Wunsch, eines Tages zurückzufahren.

Doch erst war das wegen der tschechischen Bestimmungen gar nicht möglich, so Bayer. Erst 1982 reiste Bayers Schwager und seine Mutter mit einem Visum in die alte Heimat. "Doch meine Mutter fand das Haus nicht mehr", so Bayer. "Es gab fast keine Straßen mehr, überall war Wald, wo vorher Felder waren."

Später fuhr Bayer mit seinem Onkel in den Böhmerwald, um seinen einstigen Hof zu suchen. Bewaffnet mit Buschmesser und Gummistiefel bahnten sie sich ihren Weg durch den Wald, auf dessen Boden einst Felder waren. "Wir erkannten den Hof schließlich an den Obstbäumen und am Kamin." Sonst hatte sich der Wald bereits in den Resten der Gemäuer breit gemacht. "Spätestens jetzt war klar: Auf dem Hof hatte nie jemand gelebt", so Bayer. Man hatte wohl nur alles mitgenommen, was irgendwie verwertbar war, auch die Ziegel, Balken, Türen, vermutet Bayer. Von da an gab es immer mal wieder Treffen in der dortigen Pfarrgemeinde, Bayer kam mit andere Vertriebenen aus seiner einstigen Heimat in Kontakt, man tauschte Telefonnummern aus. "Daraus ist eine Gemeinschaft geworden, wir rufen uns gegenseitig sogar an Geburtstagen an."

In Moresdorf gingen sie auch immer wieder an der alten Kapelle vorbei, die mittlerweile eine Ruine war. "Es war uns ein Bedürfnis, sie zu restaurieren", so Bayer. Also ließen sich die Gleichgesinnten zum Geburtstag Geld für die Renovierung schenken und auch so wurde noch einiges gespendet, so dass die 3800 Euro schnell zusammen waren. 2006 packte Bayer selbst mit an und mauerte an der Kapelle. Als alles fertig war, kamen rund 100 ehemalige Moresdorfer und ihre Nachkommen zur Einweihung, so Bayer. Für ihn hat sich die Mühe gelohnt: "Es ist für uns ein schönes Gefühl, die Kapelle nicht allein zu lassen."

Desirée Brenner