Ingolstadt
Nachschub für die Abteilung Frieden

21.09.2010 | Stand 03.12.2020, 3:39 Uhr |

Junge historische Dokumente: Eva Bulling-Schröter übergab gestern Museumsdirektor Ansgar Reiß ihr Protestschild. Auch das Plakat zum Gedenken an Josef Kronawitter ist Teil der Sammlung. - Fotos: Rössle

Ingolstadt (sic) Das Bayerische Armeemuseum plant für 2013 eine Ausstellung zum Thema "30 Jahre Friedensbewegung". Dafür sucht Direktor Ansgar Reiß Anti-Kriegs-Plakate. Gestern bereicherte Eva Bulling-Schröter (Die Linke) die Sammlung mit einem Schild, mit dem sie im Bundestag des Saales verwiesen wurde.

Bundestagspräsident Norbert Lammert erkannte den Ernstfall sofort und griff entschlossen durch. Die Demonstranten von den Linken mussten raus. Mitsamt ihren Schildern, die sie in jener denkwürdigen Sitzung des Hohen Hauses am 26. Februar dieses Jahres der Bundesregierung vors Gesicht hielten. Die kleinen Plakate erinnerten an die Opfer des von Bundeswehroffizieren befohlenen Luftangriffs im afghanischen Kunduz. Der Eklat im Deutschen Bundestag währte nur kurz, die Fraktion der Linkspartei verließ den Plenarsaal geschlossen.

Unter ihnen: die Ingolstädter Abgeordnete Eva Bulling-Schröter. Ihr Schild mit dem Namen des getöteten Zivilisten Ghodratullah Amanullah (27 Jahre alt, er hinterlässt drei Kinder) hat sie in Ehren gehalten. Politische Kampfmittel wirft sie nie weg – man wisse ja nicht, ob man sie noch braucht. "Bei mir daheim lagert ein Haufen Transparente aus der Gründungsphase der Ingolstädter Friedensbewegung in den Siebzigern und von den großen Demos der Achtziger", erzählt die Politikerin.

Für Ansgar Reiß, den Direktor des Bayerischen Armeemuseums, eröffnet sich im Keller der Pazifistin eine Fundgrube, denn er plant anlässlich des 30. Jahrestags des Nato-Doppelbeschlusses zur atomaren Nachrüstung 2013 eine Ausstellung über die Geschichte der Friedensbewegung. "Wir sehen es auch als unsere Aufgabe an, die aktuelle Diskussion über Auslandseinsätze der Bundeswehr zu dokumentieren und die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Krieg in ihrer ganzen Breite darzustellen", erklärt Reiß. Im Fokus der Geschichtswissenschaft erlangen damit auch die Plakate, die den Parlamentariern der Linkspartei zum Rauswurf verholfen haben, den Rang einer historischen Quelle. "Es freut mich sehr, dass sich mal jemand dafür interessiert", sagte Bulling-Schröter. Dass dieser Jemand ausgerechnet das Bayerische Armeemuseum sein würde, so deutet sie an, hätte sie früher nie gedacht.

Zusammen mit seinen Mitarbeitern Thomas Müller und Tobias Schönauer stellt der Direktor klar: "Hier geht es nicht um Politik, sondern um Zeitgeschichte." Auch wenn das mitunter schwer zu trennen sei. Reiß versteht sein Museum bewusst als "öffentlichen Raum, in dem Debatten geführt werden sollen, die sich an Exponaten wie Antikriegsplakaten entzünden". Auch den kalkulierten Eklat der Linken weiß er einzuordnen: "Er steht in der Tradition der alten, spannenden Frage, in welcher Form Parlamentarier protestieren dürfen. Diese Suche nach Foren macht den Reichtum unserer politischen Kultur aus."

Die Sammlung des Armeemuseums ziert auch das eindrucksvolle Zeugnis eines privaten Wegs an die Öffentlichkeit: das Schild mit der Aufschrift "Der Landkreis Passau trauert um Josef Kronawitter", zu sehen bei der Trauerfeier für vier tote deutsche Soldaten am 24. April im Ingolstädter Münster. Müller hat das Dokument an Ort und Stelle für das Museum gesichert. Militärhistoriker wissen: Auch der behutsame Umgang mit dem Tod gehört zu ihrem Geschäft.