Reichertshofen

Munterer Ausflug in Wiener Operettenwelt

18.05.2010 | Stand 03.12.2020, 4:00 Uhr

Vater und Sohn: Alois (rechts) und Martin Schärtl überzeugten mit dem Harry-Lime-Theme aus dem Filmklassiker "Der dritte Mann".

Reichertshofen (DK) Facettenreich und zugleich generationsübergreifend verführte der MGV "Liederkranz" Reichertshofen mit seinem "Wiener Abend" ein großes Publikum. Frauen-, Männer-, gemischter Chor und Instrumentalsolisten gestalteten ein operettenseeliges Programm auf hohem Niveau.

Während der Dirigent seinen Chor einschwört, die Besucher ihrer Bewirtung entgegen fiebern und ein kleines Mädchen aufgeregt vor der Bühne herum hüpft und vom Lampenfieber erzählt, werden noch schnell vor Beginn des Chorevents ein paar Tische herein getragen. Der "Wiener Abend" lockte mehr Musikfreunde als erwartet in die Paarhalle. Weit über das Gemeindegebiet hinaus waren die Fans gekommen. "Weil ich so gern die Wiener Melodien höre, bin ich extra hier hergefahren", berichtet Anita Brosinger aus Ingolstadt, eine unter 350 Anwesenden.

 
Die Gäste erwartete erstmalig ein von einem schlüssigen Thema getragenes Programm, das durch seine Vielseitigkeit verschiedenste Altersklassen bediente. Dabei ließ es der Liederkranz sich nicht nehmen, geschickt und witzig dem Geschlechterproporz innerhalb des Chors und dessen geschichtlicher Entwicklung durch einen musikalisch dargebotenen Geschlechterkampf Gehör zu verschaffen.

"Ach die Weiber", flachste der 25 Stimmen zählende Männerchor mit dem Marschlied aus "Die Lustige Witwe" von Franz Lehár und kommentierte: "Das Studium der Weiber ist schwer, nimmt uns Männer verteufelt her" – mit unübersehbarem Lächeln auf vielen Lippen. Und unverkennbar stimmgewaltiger antworten darauf die weit jüngeren 23 Damen mit einem Lied von Gerhard Grote und Pasquale Thibaut ("Ach was wären da die Männer ohne uns").

Durchaus passend zur Situation des "Liederkranzes" Reichertshofen, der auf hundertjährige Tradition zurückblickt, sich jedoch vor drei Jahren auch Sängerinnen geöffnet hat. Das hat sich auch aufs Altersgefüge des Chors ausgewirkt: Während die Herren zwischen 50 und 80 Lenzen zählen, rangiert der Altersschnitt bei den Damen deutlich darunter.

Homogenität der Stimmen

Das Miteinander im Chor hat durch die Altersunterschiede keineswegs gelitten: Das Ensemble überzeugte beim "Wiener Abend" durch Geschlossenheit in der Linienführung und Homogenität der Stimmen – sicher auch ein Verdienst des Dirigenten Josef Dietl. Nahezu magisch führte er seinen Chor durch die Höhen und Tiefen der Partitur der Chorsuite aus der "Fledermaus", dem anspruchsvollsten Stück des Abends. Mit sicherer Intonation und klarer Artikulation zogen die Sängerinnen und Sänger die Zuhörer in ihren Bann. Wie Dietl, der den Liederkranz seit elf Jahren leitet, anerkennend anmerkt, ist "aus dem Chor viel rauszuholen". Er sei "immer wieder überrascht, was der Chor leisten kann".

In den Pausen blieb Wien lebendig durch Hans Lang, der – selbst Chormitglied – amüsant und informativ durch das Programm führte. Zu Beginn hatte er die anwesenden Ehrengäste und den Schirmherrn der Veranstaltung, Bürgermeister Michael Franken, begrüßt. Die stellvertretende Leiterin der Musikschule Ingolstadt, Brigitte Pingera, die den Chor auf dem Klavier begleitete, führte er als "Frau, die einfach alles kann" ein. Durch sie bekomme das Konzert den "richtigen Schwung".

Für ausgelassene Leichtigkeit, teils im Dreivierteltakt, sorgten noch Lieder wie "Das ist mein Wien", "Wiener Walzerklänge" oder "Leichtes Blut", die gemeinsam oder von den Frauen gesungen wurden, oder das von den Männerchor aus vollen Herzen geschmetterte "Hobellied".

Bei einem Glaserl Veltliner zusammen mit Pusta-Selchfleisch oder Liptauer Brot, angeboten von Damen des Vereins, konnte sich letztendlich niemand mehr der Faszination des abendfüllenden Themas "Wien" entziehen. Erst recht nicht nach den Instrumentaleinlagen, die mit den Beiträgen der Chöre wechselten.

So entlockte die 22-jährige Karin Hahn ihrem Lieblingsinstrument, dem Akkordeon, verzaubernde Töne bei der emotional anrührenden Interpretation der Zigeunersuite von Wilhelm Bernau. Beifall und Bravorufe belohnen nicht nur ihre besondere Leistung, sondern auch die des absoluten Publikumslieblings des Abends, Sarah Dietl.

Junges Talent

"Ich freu mich schon, aber ich hab so viel Lampenfieber", verriet die Montessori-Schülerin, die erst sieben Jahre alt ist, aber bereits drei Jahre Geige spielt. Mit der selbstsichervorgetragenen Tritsch-Tratsch-Polka von Johann Strauß spielte sie sich nicht nur in die Herzen der Zuhörer, sondern hinterließ auch die Gewissheit, dass es in Zukunft sicher noch mehr von ihr zu hören geben wird.

Beeindruckend auch Alois Schärtl, der beim bekannten Thema aus "Der dritte Mann" zunehmend mit seiner Zither verschmolz, während ihn sein Sohn Martin auf dem Knopfakkordeon begleitete.

Komödiantischer Höhepunkt und zugleich Abschluss des Abends bildete ein großes Potpourri aus dem "Zigeunerbaron", gesungen vom gemeinsamen Chor, der nicht nur frenetischen Beifall, sondern auch anerkennende Kommentare erntete: "Jetzt ham’s aber ganz schön aufgetischt".