Ingolstadt
Molto vivace

Der 17-jährigen Elisabeth Lindner gelingt ein fulminantes Konzert

14.05.2012 | Stand 03.12.2020, 1:29 Uhr

Beseelter Ausdruck: Elisabeth Lindner im Festsaal - Foto: Fiedler

Ingolstadt (DK) Ein großes Programm wartete auf die Besucher des ausverkauften Konzertes des Ingolstädter Kammerorchesters im Theaterfestsaal. Große Komponistennamen, große Werke und – große Herausforderungen. Als Beethoven seine 1. Symphonie in C-Dur Opus 21 im Jahr 1800 schrieb, stand der 30-Jährige noch fest verwurzelt in der Tradition der Wiener Klassik im Sinne mozart- oder haydnscher Kompositionsästhetik.

Dirigent Stefan Reil legte das Werk eher vorsichtig an und verzichtete auf das in der Komposition schlummernde Dynamikpotenzial. Das Ingolstädter Kammerorchester spielte sich sehr präzise durch die Triolen des zweiten Satzes, während die den vierten Satz eröffnenden Violinen der sich taktweise ändernden Metrik etwas ratlos gegenüberstanden. Die Tonleiteraufwärtsbewegung ergänzte Beethoven hier um jeweils eine neue Endnote, was eine stete Änderung der Rhythmisierung zur Folge hat.

Yunanzi Li betrat dann mit ihrem Cello die Bühne. Li bestritt als Solistin das „Kol Nidrei“, ein Konzertstück für Orchester und Violincello von Max Bruch, das dieser in London komponiert hatte und in Berlin im Jahre 1880 zur Uraufführung brachte. Das Werk variiert zwei Themen, deren erstes auf ein Abendgebet zum hebräischen Jom-Kippur-Tag zurückführt, dem „Kol Nidre“. In der Aufführung des Ingolstädter Kammerorchesters gelang die intendierte Rollenverteilung. Das Orchester bereitete die kontemplative Grundlage, auf der sich das „Gebet“ des Cellos in den Händen von Yunanzi Li entfalten konnte. Ausgehend vom ersten Thema, das dem Gesang des geistlichen Vorsängers in der Synagoge nachempfunden ist, gestaltete Li ihren Solopart unpathetisch, aber eindringlich wie überzeugend.

Das einzige Klarinettenkonzert Mozarts war beim Solisten Günther Voit in guten Händen. Voit stellte alle drei Motive des ersten Satzes schlüssig nebeneinander, präsentierte kraftvolle tiefe Passagen und gestaltete das Abgleiten in die Moll-Passage sehr überzeugend. Den zweiten, wohlbekannten Adagiosatz entwickelte Voit in ein „Cantabile“ hinein und schloss mit einem Freude sprühenden Rondo.

Wer allerdings glaubte, der Konzerthöhepunkt wäre damit erreicht, wurde mit der nun folgenden Aufführung von Pablo de Sarasates „Zigeunerweisen Opus 20 für Violine und Orchester“ eines Besseren belehrt. Dem erheblichen Schwierigkeitsgrad des Werks stellte sich Violinistin Elisabeth Lindner. Das Ausnahmetalent gewann neben anderen Preisen bereits 2010 einen Bundespreis für Violine solo bei „Jugend musiziert“. Lindner berauschte sich selbst an dem anspruchsvollen Werk. Das überschäumende Temperament des ungarischen Csardas nahm Besitz von Lindner und unvermeidlich damit auch vom Publikum. Sehnsuchtsvolle Doppelgriffe, rasche Emotionswechsel, rasende Sequenzen gerade im letzten Teil „Allegro molto vivace“ formten sich zu einem beeindruckenden Hörerlebnis. Die Verbindung vom perfekten Spiel der äußerst virtuosen Passagen mit selbstbewusstem Strich, Intonationspräzision mit äußerst beseeltem Ausdruck ließen die „Zigeunerweisen“ zum verdient bejubelten Erfolg gedeihen.

Der Konzertabend endete mit dem Konzertstück für Klarinette und Bassetthorn Opus 114 von Felix Mendelssohn Bartholdy. Die Ausführenden Günther und Anne Voit gefielen in der eher ungewöhnlichen Komposition und hier besonders im zweiten Teil, in dem sich die Klarinette solistisch über den in Sequenzen aufgelösten Akkorden des Bassetthorns ausbreitet. Eine kurze Kadenz führte zum Ende des Stückes und zum Ende eines gelungenen Konzertabends.