Greding

Mittendrin und doch daheim

Gredinger Wirtschaftsschule nutzt die Herausforderungen der Corona-Krise für weiteren Digitalisierungsschub

22.06.2020 | Stand 02.12.2020, 11:07 Uhr
Einen eigenen Tablet-Computer nutzen Kevin, Laura und Svenja wie alle ihre Mitschüler an der Staatlichen Wirtschaftsschule in Greding. Kevin agiert sogar als "Sprachrohr" für seinen Mitschüler Maxi (auf dem Bildschirm), der zum Unterricht virtuell zugeschaltet werden kann. Laut Klassenlehrer und Systemadministrator Markus Nieberle hat die Schule die Corona-Krise für einen Digitalisierungsschub genutzt. −Foto: Leykamm

Greding - Die körperliche Nähe und die Gemeinschaft vor Ort: Diese beiden Dinge sind es, die Maxi nach wie vor vermisst.

Ansonsten aber kann der Achtklässler der Staatlichen Wirtschaftsschule in Greding per Videoschaltung live am Unterricht teilnehmen. Ein neuer Digitalisierungsschub an der Einrichtung macht es möglich, dass er zumindest virtuell am kompletten Schulgeschehen teilnimmt - was dem Sohn einer vorerkrankten Mutter sonst wegen der Corona-Pandemie verwehrt geblieben wäre.

Was hat es eigentlich mit der Mehrwertsteuer auf sich? Wer muss sie zahlen und warum gibt es überhaupt verschiedene Steuersätze? Diesen Fragen geht die achte Klasse der Wirtschaftsschule derzeit nach, die sich aufgrund der nach wie vor geltenden Abstandsregeln in zwei Hälften geteilt hat. In einer von ihnen ist Maxi via Bildschirm immer dabei - alle fünf Stunden eines Schultags. Melden kann sich der 15-Jährige ganz einfach per Button, damit hebt er quasi seinen Finger. Wird das übersehen, ist sein Mitschüler Kevin zur Stelle, der die Klasse und ihren Lehrer Markus Nieberle darauf aufmerksam macht.

Studienrat Nieberle ist zugleich der Systemadministrator der Wirtschaftsschule. Als solcher zeigt er sich sehr erfreut, dass dank der Unterstützung des Landkreises als Sachaufwandsträger sich schon vor Jahren ein Tablet-Konzept in der Schule verwirklichen ließ, das seitens der Behörde zudem von der IT-Abteilung um Herbert Hausmann mit Leben erfüllt wird. Für jeden Schüler gibt es seither ein individualisiertes Gerät, an dem sich auch Zuhause arbeiten lässt.

Zum Einsatz kommen klappbare Ultrabooks mit einer Touch-Funktionalität und vollwertiger Tastatur. Man war also digital ohnehin schon ziemlich gut aufgestellt. "Doch dann kam Corona", sagt der Administrator. Die damit verbundenen Einschränkungen stellte die Schule vor neue Herausforderungen. Denn in den Wochen der Schulschließung hieß es nun, völlig auf digitalisierten Unterricht zu setzen, statt ihn lediglich als wertvolle Ergänzung zu nutzen.

Gängige Kontaktnetzwerke über E-Mail oder WhatsApp wurden noch enger geknüpft. Danach machte sich Nieberle daran, die Videokommunikation einzurichten, "um die Schüler nicht nur mit Lernmaterial zu versorgen, sondern wirklich unterrichten zu können". Die Wahl fiel dabei auf eine Software namens "Microsoft Teams". Dieses Vorgehen kam bei den Schülern nicht nur sehr gut an, sondern die steigende Nutzungsfrequenz machte es bald nötig, "planbare Strukturen zu schaffen, die dem Stundenplan im tatsächlichen Schulleben ähneln". Wer hält wann die nächste Videokonferenz? In welchem Fach überhaupt? Und was ist bis dahin zu erledigen? Solche Fragen sollten sich per Tastendruck beantworten lassen.

Gemeinsam mit dem Schulleiter Wendelin Ferstl entschied sich Nieberle deswegen für die Teams-Vollversion: Kalender, Feedback, Direktkontakt und weitere Funktionen erleichterten fortan das digitale Schulleben. Ebenso wurden die Hürden der Installation und Lizenzierung gemeistert - natürlich digital: über Bild- und Videoanleitungen oder Fernwartung. So gelang es, in einer knappen Zeitspanne für alle Wirtschaftsschüler "einen Office-365-Vollzugang einrichten".

Nun standen für jeden alle Teams-Funktionen zur Verfügung und jeder Schüler ist seither "über eine personalisierte Wirtschaftsschule-E-Mailadresse sozusagen dienstlich erreichbar". Nachrichten teilen, Unterlagen hochladen und bearbeiten, Hausaufgaben korrigieren und zurückgeben, Nutzen der Cloud, Fragen im Chat sofort online klären - all dies ist nun selbstverständlich. "Heute ist das Distanzlernen fester Bestandteil des Unterrichtskonzepts - über alle Klassen hinweg", wie Nieblerle erklärt.

Auch jetzt, da der Präsenzunterricht zumindest in eingeschränkter Form wieder möglich ist, freut man sich über die Vorzüge des Systems. Das gilt vor allem für Maxi, der eben nicht im Gredinger Schulgebäude am Unterricht teilnehmen kann. Übers virtuelle Melden oder einen schnellen Chat mit seinen Schulkameraden nimmt er trotzdem fast hautnah am Geschehen teil. "Damit ist dieses Tool auch wichtig für die Klassengemeinschaft", findet der Lehrer.

"Es war erst schon etwas komisch, gleichzeitig zu Hause und in der Schule zu sein", sagt Maxi. Aber er habe sich mittlerweile daran gewöhnt. Nun "fühle ich mich, als wäre ich mitten im Klassenzimmer". Ein geregelter Schultagesablauf gibt ihm auch in Corona-Zeiten Stabilität. "Aber meine Kumpels vermisse ich schon sehr. "

Das können diese wiederum sehr gut nachvollziehen. Sie freuen sich richtig, wieder zur Schule gehen zu dürfen. Tatsächlich? Freude über den Schulbesuch? War es daheim nicht schöner? Energisches Kopfschütteln bei den Jugendlichen. Zugleich kommt das Lernen in kleinen, weil hälftig geteilten Klassen gut an. "So ist es eigentlich besser", kann Eva den Corona-Vorgaben Gutes abgewinnen. Und so bleibt die Zuversicht, "dass wir ohne Stoffverlust das Schuljahr abschließen können", blickt Nieberle voraus.

Maxis Mutter Michaela ist indessen hin- und hergerissen. Als Mitarbeiterin einer Personalabteilung sammelt sie derzeit selbst Homeoffice-Erfahrung. Sie will ihre Gesundheit nicht riskieren, ihrem Sohn aber auch Gemeinschaft ermöglichen. Doch mit der aktuellen Unterrichtslösung sei ein guter Kompromiss gefunden, lobt sie: "Die Schule hat sehr gut auf die Krise reagiert. "

Für die Zukunft von Maxi könnte sich die Online-Beschulung als hilfreich erweisen. Schwebt ihm doch eine Ausbildung als Industriekaufmann oder im IT-Bereich vor. Und dafür ist die digitale Gangart eine nahezu perfekte Vorbereitung. Die Schule selbst will auf die Errungenschaften auch nach Corona nicht verzichten. Durch das ausgeweitete Digitalsystem "ergeben sich ganz neue Möglichkeiten für verschiedene Zusatzangebote", sagt Nieberle. Auch die Hausaufgabenbetreuung lasse sich etwa virtuell gut umsetzen.

HK

Jürgen Leykamm