Schrobenhausen

Mit Vertrauen und Einfühlungsvermögen

<DK-XY_trifft>WINTERSPAZIERGANG</DK-XY_trifft> mit Stadtpfarrer Georg Leonhard Bühler von Mühlried zum Pfarrhof

11.12.2020 | Stand 16.12.2020, 3:33 Uhr
Arbeitsweg im letzten Tageslicht: "In dem Outfit bin ich nahezu unerkennbar, denn normalerweise kennt man mich mit dem Anorak und dem Fahrradhelm", ist Pfarrer Georg Leonhard Bühler überzeugt - trotzdem grüßen ihn den ganzen Weg entlang beinahe alle Leute, die ihm begegnen. −Foto: Budke

Schrobenhausen - "Normalerweise fahre ich die Strecke mit dem Fahrrad" - so beginnt die Runde mit Schrobenhausens Stadtpfarrer Georg Leonhard Bühler an seinem Wohnsitz in Mühlried. Zu Fuß also geht es los, er steuert mit einigen "hier gehen wir rechts - hier gehen wir links" durch die Siedlung zwischen Heilig-Geist-Kirche und der Weilach. Beim letzten Tageslicht führt der Weg vorbei am Freibad, über den Stadtwall zur Kirche St-Jakob. Dort parkt er normalerweise sein Fahrrad neben der Tür zur Sakristei "einfach dort an dem Busch".

Dann möchte er gern einen Blick auf den Pfarrhof werfen: An seiner Erzählung über das Gebäude hört man, dass er geschichtlich interessiert ist und dass er sich mit Schrobenhausen in den vergangenen zwei Jahren ganz gut vertraut gemacht hat. Aber das wurde schon auf dem knapp 20-minütigen Weg klar, denn wie oft er in der kurzen Zeit jemanden grüßt oder gegrüßt wird, lässt sich an zwei Händen nicht mehr abzählen.

Dabei fiel ihm der Abschied aus seiner Gemeinde in Nersingen vor zwei Jahren gar nicht so leicht, immerhin war er 19 Jahre dort: "Eine Frau hat gesagt: Sie sind doch jetzt bei uns daheim - da bekomme ich jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke." Als er gefragt wurde, ob er sich vorstellen könnte, nach Schrobenhausen zu gehen; entstand hier gerade die neue Pfarreiengemeinschaft aus vier Gemeinden mit insgesamt rund 10500 Mitgliedern. "Das ist schwierig, alle seelsorgerisch zu betreuen", gibt Bühler zu bedenken, "das geht nur, weil ich durch einen Kaplan, einen Jugendpfarrer sowie zwei Ruhestandspfarrer unterstützt werde." Leider sei einer im Krankenstand und einer verstorben. Dabei merkt Bühler gerade jetzt zur Coronazeit, dass die Gläubigen mehr Gesprächsbedarf haben: "Vor allem in Trauerfällen haben die Angehörigen mehr Zeit gebraucht; die Trauergespräche sind intensiver und länger."

Aber was brachte ihn dazu, eben nicht wie geplant bis zur runden 20 in Nersingen zu bleiben, sondern nach Schrobenhausen zu wechseln? "Eigentlich ist es egal, wo man ist, denn überall gibt es viele Aufgaben und viele Menschen, die auf einen Priester warten und den heute noch brauchen" ist Bühler überzeugt und erzählt, dass drei Mitbrüder von ihm aus Schrobenhausen kommen und hier Primiz gefeiert haben. Auch einen seiner Vorgänger, Pfarrer Robert Skrzypek kennt er gut: "Er ist ein Weihekurskollege von mir." So kannte Bühler Schrobenhausen zumindest schon ein wenig, bleibt aber auch nach zwei Jahren zurückhaltend mit einem Urteil über die Menschen.

Er nimmt sich Zeit zum Kennenlernen, möchte die Menschen begleiten und aufgreifen, was an ihn herangetragen wird. Obwohl ihm Schrobenhausen also nicht ganz unbekannt war, habe er gedacht: "Ich überlasse dem Herrgott die Entscheidung und bitte ihn, mir ein deutliches Zeichen zu geben. Ich hatte zehn Tage Bedenkzeit, innerhalb der ersten fünf Tage kam so ein deutliches Ja", erzählt er.

Aber wie sieht so ein Zeichen denn aus? "Das ist schwierig zu sagen; das sind innere Prozesse, die kann man schlecht darstellen", ist er recht nachdenklich und fügt hinzu: "Ebenso wie die Frage nach der Berufung, das kann man mit Worten kaum erklären." So sagte ihm "ein inneres Erlebnis schon in der dritten Klasse, dass das mein Weg ist."

Seine Eltern unterstützen ihn, halfen ihm, das richtige Gymnasium zu finden. Latein und Griechisch waren seine Lieblingsfächer, aber auch Mathe und Geschichte. Ganz klar war sein Weg trotzdem nicht immer: "Ich habe einen Schlenkerer gemacht und nach dem Abitur zuerst mal was gearbeitet." Bei seinem Vater auf dem Bau, drei Monate bei der Paketpost in Augsburg und ein halbes Jahr als Praktikant bei einem Pfarrer erfüllten ihren Zweck: "In diesem Jahr ist meine Berufung von allen Zweifeln befreit worden." So hatte er auch nie das Gefühl, mit dem Verzicht auf eine eigene Familie etwas zu vermissen, eher habe er gedacht: "Ich kann nicht predigen und ich kann nicht auf die Leute zugehen." Das ist doch erstaunlich, denn tatsächlich wirkt der 53-jährige gebürtige Schwabe ungeheuer aufgeschlossen, offen und einfühlend: "Ja, ich glaube schon, dass ich sensibel bin und emotional" gibt er zu.

So fragte er sich am Anfang immer, ob er Schuld an Kirchenaustritten in seiner Gemeinde habe: "1999 als frischer Pfarrer habe ich es mir angelastet und über Fragebögen versucht, herauszufinden, warum. Die haben mir gezeigt, das ist ein viel größerer Zusammenhang." Heute nennt er als häufigste Gründe den Papst, die Richtung der Kirche "oder zuletzt die große Missbrauchsgeschichte 2010." Der Missbrauchsskandal sei ihm persönlich sehr nahe gegangen. "Ich bin jemand, der grundsätzlich von jedem Menschen erst mal annimmt, dass er gut denkt und gut handelt. Vielleicht bin ich da manchmal etwas naiv."

In Situationen, in denen er Unterstützung braucht, wendet er sich an Gott: "Ich kann die Last an Gott abgegeben." Aber braucht man Kirche, wenn man an Gott glaubt? Da ist Bühlers Antwort eindeutig: "Ich glaube, man braucht die Kirche, als Begleitung, als Gemeinschaft, für Treffen mit anderen, die auf dem gleichen Weg sind." Er weiß, dass es wichtig ist, jemanden zu haben, an den man sich wenden kann.

Aber hat ein Pfarrer, der meistens für andere da sein muss, überhaupt Zeit für eigene Hobbies? "Ziemlich wenig", gibt Bühler lachend zu und zählt auf: "Lesen, aber das ist momentan ins dritte Glied gerutscht. Musik hören, hauptsächlich beim Autofahren oder Nachrichten, ich höre sehr gern B5. Oder Theater, Schauspiel, Kultur. Das mag ich sehr gern und ich finde es richtig schade, dass alles gekappt ist. So ist momentan das Hobby, dem Stadtpfarrer Bühler nachkommt, Filme anzuschauen: "Gerade mit Filmen erlebt man Emotionen, egal ob lustig, spannend oder traurig. Das Schöne an Musik und Film ist, dass man in eine andere Welt abtauchen kann."

SZ